Posts Tagged ‘Alchemisten’

beyond 140: Über Alchemisten und Maschinenstürmer

Donnerstag, Juni 24th, 2010

@bosch Noch stärker als das Wort „wüten“ ist übrigens „amoklaufen“ oder „ein Pogrom machen“. Keine Ursache, ich helf doch gern!less than a minute ago via TweetDeck

Diesen Tweet bezieht sich auf folgenden Tweet:

Bigotterie 2.0 – gegen Facebook wüten und gleichzeitig zum Empfehlen via FB auffordern. http://twitpic.com/1yyqqfless than a minute ago via Twitpic

Da muss man vielleicht länger ausholen. Vereinfacht gesagt gibt es in Bezug auf den Datenschutz in der Onlinewelt zwei Fraktionen:

Die Maschinenstürmer gibt es schon länger. Sie machen sich Sorgen über die Bedrohungen durch fehlenden Datenschutz und wollen die großen Maschinen der Neuzeit bändigen: Schnüffelstaat, Facebook, Google usw. Repräsentanten dieser Fraktion sind solch altehrwürdige Initiativen wie FoeBud, AK Vorrat und Big Brother Award.

Später sind die Alchemisten hinzugekommen. Die Adepten der Alchemisten glauben, dass sich freie Daten in Mehrwert-Gold verwandeln werden – wenn sich die Gesellschaft nur einer inneren Wandlung unterzieht. Die Verfechter dieser fortschrittsoptimistischen Fraktion sind Jeff Jarvis, Christian Heller, Michael Seemann und überhaupt die meisten in unserem Twitterversum.

Die Alchemisten machen sich natürlich über die rückgewärtsgewandte Einstellung der Maschinenstürmer lustig. So zog sich Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner viel Spott zu, als sie ihr Facebookprofil aus Protest löschte. In der gleichen Tradition steht auch der Tweet von @bosch. Er bezieht sich auf die Empfehlung von @FIXMBR_, den Like-Button von Facebook zu entfernen bzw. herauszufiltern. Der Like-Button ist insbesondere umstritten, weil er die Grenze von „ich gebe Facebook meine Daten“ zu „ich gebe Facebook fremder Leute Daten“ überschreitet (ähnlich, wie es auch die Funktion „Adressbuch hochladen“ tut).

Nun ist es jedem freigestellt, polemische, sarkastische und beschimpfende Kommentare zu twittern. Dagegen habe ich nichts. Dafür ist Twitter da. Aber wenn das von @bosch nicht als sinnfreie Beschimpfung, sondern als Argument gedacht war, dann lohnt hier eine nähere Betrachtung.

Zuerst wird FIXMBR unterstellt, er hege ein fanatisches Verhältnis zu Facebook, er „wüte“ dagegen. Dann wird ihm unterstellt, er würde seinen eigenen Anforderungen nicht gerecht, er verhalte sich „bigott“. Die erste Anschuldigung trifft gar nicht zu, wie man leicht bemerkt, wenn man sich seine Artikel in der Kategorie Facebook durchliest. Sein differenziertes Verhältnis wird insbesondere auch daran ersichtlich, dass er Facebook nutzt und zu seinen Blogartikeln einen „Share“-Button anbietet.

Hier kommt also der rhetorische Trick ins Spiel: FIXMBR wird ein fanatisches Verhältnis zu Facebook unterstellt („wüten“) und gerade der Beweis, dass dem nicht so ist, wird ihm in einer zweiten Wendung zusätzlich noch negativ angelastet („bigott“). Ein schöner und nicht ganz unüblicher Trick, auch anderswo im Bereich der politischen Diskussion. Insbesondere dann, wenn man sich in ein Lagerdenken hineinsteigert (wie es oben mit Alchemisten und Maschinenstürmern angedeutet ist).

Interessant an der Sache ist, dass sich der Betroffene schlecht wehren kann. Wenn er Differenzierung einfordert, dann wird meist mit dem Vorwurf der Haarspalterei geantwortet. Mit Differenzierung hat man sowieso meist schlechte Karten im Geschäft der oberflächlichen Polemik, auch – oder gerade weil – sich diese ganze rhetorische Konstruktion dann in Luft auflösen würde.

Bleibt für mich nur eine Frage offen: ist den Benutzern eigentlich der Trick bewußt oder fallen sie nur auf ihre Wahrnehmung herein?