Peitschenhandel und Piratenweib

Lieber St. Henes,

@xbg 1. Warum das Peitschenhandelbild ohne Kontext? 2. Warum an Diskussion um @piratenweib beteiligen? Lasst Mensch doch Mensch sein.‚Fri Oct 15 17:17:12 via web

ich war etwas überrascht von Deinem Tweet an mich. Dort stelltest Du mir zwei voneinander unabhängige Fragen, hübsch durchnummeriert, und obendrauf gabs noch einen tollen Ratschlag fürs Leben. Ich staune immer noch, wie das alles überhaupt in einen Tweet passt und dazu noch so nahtlos! Um ein bißchen von meiner Überraschung an Dich zurückzugeben, antworte ich darauf einfach hier in meinem Blog. Ich muss sowieso etwas ausholen.

Die erste Frage lautete, wieso ich ein Peitschenhandelbild ohne Kontext postete. Nun, ich tat dies aus dem Grund, warum ich auch Streetart poste: ich finde ab und zu Dinge in meiner Umwelt interessant und manchmal fotografiere und twittere ich sie eben. Zudem fand ich es recht ungewöhnlich, dass es da einen Peitschenhandel gibt. (Jedem vernünftigen Menschen muss klar sein, dass Peitschen gehandelt werden müssen und dass es zu diesem Zweck einen Peitschenhandel geben muss. Dennoch, wenn man unvorbereitet drüberstolpert, stutzt man erstmal einen Moment.) Nicht mehr und nicht weniger. Man mag es zu Recht für banal halten. Ich verstehe auch, dass man sich unter Umständen über die verschwendete Zeit ärgert, nachdem man auf das Bild klickte und nicht weiss, was das soll. Bei diesen Leuten möchte ich mich natürlich entschuldigen.

Aber auf der anderen Seite – das möchte ich zu meiner Verteidigung anmerken – finde ich es immer noch interessanter als die x-te Frühstücksfotografie. Das Peitschenhandel-Bild ist doch immerhin potentiell in der Lage, bei Menschen mit etwas Phantasie Fragen und Gedanken anzuregen. Und wer Spaß daran hat, kann sogar dem Peitschenhandel hinterhergooglen, wie es tatsächlich ein netter Follower gemacht hat. Ich will es nicht überstrapazieren, aber das sollte man auch bedenken.

pi·ra·ten·wei·ben, v.: nach dem Verschicken von Abmahnungen leichtherzig in den Urlaub fahrenFri Oct 15 17:11:01 via TweetDeck

Die zweite Frage war, warum ich mich an der Diskussion ums Piratenweib beteilige. Nun, ich denke nicht, dass ich mich wirklich an der Diskussion beteiligt habe. Ich hätte ja was zur Sache sagen können („Die Abmahnungen waren doof!“, „Die Abmahnungen waren voll gerechtfertigt!“ oder „Wer das Piratenweib trollt, ist ein böser Menschen!“). Aber das habe ich gar nicht.

Ich habe lediglich die erstaunliche Launigkeit kommentiert, mit der sie statt einer netten Mail Abmahnungen verschickt, sich anschließend vom Internet abkoppelt – um sich später über einen Shitstorm zu wundern. Ich meine Abmahnungen sind empörungspotentialmäßig ungefähr das netzäquivalent zu Kinderschändung und es wurden schon viele Abmahner von Shitstorms überrollt. Es kommt in Naivitätskomik-Klassen gemessen so lustig wie die Putzfrau, die später sagen wird „Ach der rote Knopf hat den Atomkrieg ausgelöst? Ich wollte ihn doch nur saubermachen!“.

Wenn man Piratenweibs Verhalten als Chuzpe interpretiert, dann ist auf der anderen Seite wiederum sehr beeindruckend. Wie auch immer, in jedem Fall fand ich die Vorstellung lustig, diese Tätigkeit würde als „piratenweiben“ in die deutsche Sprache eingehen. Spontan, wie man manchmal Dinge halt so twittert.

Ich hoffe Deine Frage ist damit erschöpfend geklärt. Für den Tipp, Mensch mal Mensch sein zu lassen, bedanke ich mich. Aber ich fürchte leider, er könnte etwas zu spät kommen.

Ich glaube es würde mir leichter fallen, Frauen nicht als Objekte zu sehen, wenn ich Menschen allgemein nicht als Objekte sehen würde.Tue Sep 21 09:02:37 via TweetDeck

Strohfeuer, Betaversion

Am nächsten Freitag werden in Berlin anlässlich der Lesung von Sascha Lobos Roman über Aufstieg und Fall in der New Economy Strohfeuer die digitalen Groupies zusammenströmen, um sich in die erste Reihe zu knien, die iPhones vom Leibe zu reissen und jede Zeile des Romans mitzusingen.

Eine wichtige Eigenschaft von Groupies nämlich ist es, dass sie schon vor dem Veröffentlichungstermin eines Werkes jede Strophe mitsingen können. Normalerweise wird soetwas praktischerweise über Raubkopien ermöglicht. Aber da Sascha Lobo kein Fan von Raubkopien ist und jedem Raubkopierer eine Armee von über 46.000 Followern auf den Hals zu hetzen in der Lage ist, bleibt dieser Weg verschlossen.

Dennoch: es gibt einen völlig legalen Weg, sich bei der Lesung als wahrer Fan zu erweisen. Bekanntermaßen heisst der Vorläufer von Strohfeuer nämlich strohfeuer.de (ja, damals war .de suffixmäßig noch modern!) und wurde 2005 in einem Blog veröffentlicht, dessen Name irritierend an eine Lucasfilm-Firma erinnert, Industrial Technology & Witchcraft. Für Euch habe ich mich durch die schwelenden Überreste des Blogarchivs mit unwegbaren Navigationstrümmern gekämpft, um alle Teile zusammenzutragen, damit Ihr es auswendig lernen und am Freitag mit Faktenwissen glänzen könnt:

strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 1
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 2
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 3
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 4
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 5
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 6
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 7
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 8
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 9

Wenn der Roman nur halb so gut wie diese Bloggeschichte ist*, dann wird er rasant sein. Und ich werde ihn lesen, gleich nach Matthias Sachaus Bestseller, Mia Bernsteins hochgelobtem Werk, Elisabeth Ranks famosem Buch, allen Büchern von Else Buschheuer etc pp. Aber das natürlich nur, falls ich das lähmende schlechte Gewissen überwinden kann, welches mich jeden Tag quält, all diese Bücher noch nicht gelesen zu haben.

*Er wird vermutlich wirklich nur halb so gut sein, weil der Verlag ja darauf achten muss, den Massengeschmack zu treffen und auf mehr Dreier-Sexszenen und weniger New Economy bestehen wird.

Über das Entfolgen

Es ist nur Twitter, was bin ich froh, dass ich mein Ego nicht an Followern messen muss, wie so mancher hier! [Wattebällchen schmeiss]Di, 22. Juli 2010 10:51 via web

Solangsam macht mir das keinen Spaß mehr! Mich verlassen Follower der ersten Stunde. Alles Liebe und Good bye, war schön @FrauKupferblauDi, 22. Juli 2010 19:14 via Power Twitter

So sehr die Twitterer auch schwören mögen, dass es ihnen keinesfalls um die Follower gehe, so schmerzhaft kann es machmal doch sein, entfolgt zu werden. Davon legen diese beiden Tweets – im Abstand von lediglich 9 Stunden geschrieben – beredt Zeugnis ab. Nicht umsonst ist dies auch die Todesursache des Opfers im Twitterkrimi „Der Entfolger“.

Zwar nimmt – nach allem was man hört – der gewöhnliche Top-Twitterer sehr lässig die Entfolgung durch ihm unbekanntes Kroppzeug hin. Schließlich ist oberhalb einer bestimmten Followerzahl eine ständige Fluktuation Normalität und wird nur noch wie das Gewimmel in einem belebten Taubenschlag wahrgenommen. Hauptsache der Trend weist aufwärts.

Dennoch – so vermute ich – gibt es selbst im Kopf der coolsten Elite-Twitterer einen bestimmten Personenkreis, bei dem eine Entfolgung Emotionen auslöst. Mögen es andere tolle Alpha-Twitterer sein, langjährige Folger oder einfach jemand, zu dem man sich eine besondere geistige Verbindung halluzinierte.

Was bei der legendären @elsebuschheuer im Juni 2009 noch so leichtfüßig klang:

Ich folge nach dem Lust-, nicht nach dem Gefälligkeitsprinzip. Ständig überprüfe ich diesen Kreis, wähle ab, wähle neu, so wie jemand, der sich einen hochkomplizierten Diätplan zusammenstellt.

wurde offenbar schließlich zur Qual. Ein halbes Jahr später zerschlug sie den gordischen Knoten aus dem Gejammere enttäuschter Ex-Gefolgter, in dem sie radikal alle entfolgte. Vielleicht der richtige Anlaß, Jungtwitterern nochmal die sog. Bordell-Doktrin ans Herz legen:

Selbstverständlich behandle ich Eure Follows/Unfollows diskret! Will ja niemanden vom Besuch dieses kleine Twitter-Bordells abschrecken.Di, 26. Januar 2010 17:23 via TweetDeck

Aber nicht nur das entfolgt werden, sondern auch das Entfolgen kann alles andere als einfach sein. Kandidaten, bei denen beim besten Willen keine Mühe mehr zu erkennen ist, einen sinnvollen Beitrag zur eigenen Timeline beizusteuern, spüren oft auf geheimnisvolle Weise, dass sie zur Entfolgung vorgemerkt sind. Prompt finden sie eine Methode, sich über freundliche Reply oder exzessives Faven zurück ins eigene Twittererherz zu schmeicheln. Oder Twitterer, deren frischverliebtes Geturtele kaum auszuhalten ist, geloben doch noch Besserung. Und nur selten macht es einem jemand einfach mit dem Entfolgen, so wie in diesem (tatsächlich geschehenen) Fall:

Es ist nie leicht, jemanden zu entfolgen – außer er retweetet mir den unlustigen Dieter Nuhr in die Timeline.Mo, 21. Juni 2010 16:24 via TweetDeck

Das ist dann wirklich ein Glücksfall.

Wenn man entfolgt wurde, gilt das Zurückentfolgen zu Recht als unsouverän. Schließlich sollte man der reinen Lehre zufolge Twitterern nur aufgrund ihrer Tweets folgen. Manchmal kann es sogar vorkommen, dass man Entfolgern erst recht folgt. Das sieht vielleicht nach Schleimerei aus, hat aber nur den banalen Grund, dass ein Unfollow mehr Aufmerksamkeit als ein Follow erzeugt, gerade in Phasen, in denen viele Follower hinzukommen. Beim sorgfältigen Durchschauen des Accounts stellt man dann vielleicht fest, dass derjenige doch folgenswert ist.

Lediglich @saschalobo beherrscht die Sonderform des noch nicht mal Ignorierens. Als ich ihn einmal aufgrund der fiesen Steuerung meines Mobilgerätes aus Versehen entfolgte, wurde ich prompt zurückentfolgt. Hatte sich der Twitterpapst die Mühe gemacht, mich unbedeutenden Wurm persönlich zurückzuentfolgen?

Nun, ich glaube nicht. Ich glaube, @saschalobo hat Mechanismen, Automaten und Lakaien am Start, die das für ihn erledigen. Diese Strategie ermöglicht sowohl das Ignorieren auf persönlicher Ebene als auch den präzisen Gegenschlag gleichzeitig. Genial!

Update: Beim letzten Absatz handelt es sich um eine haltlose Spekulation meinerseits, die in den Kommentaren entschieden zurückgewiesen wird.

beyond 140: Norm und Denkmalschutz

„Definiere Deutschland.“ – „Treppe gesperrt, weil Stufen nicht normgerecht. Umbau nicht möglich wegen Denkmalschutz.“Di, 13. Juli 2010 via TweetDeck

Dieser Tweet erreichte bislang 340 (System-)Retweets und 259 Favs – was ganz schön viel für einen einfachen Twitterer vom Lande wie mich ist. Nicht nur Eva-Herman-Bashing, sondern auch Bürokratiekritik ist offenbar imstande, die Herzen der Twitterer zu erreichen.

Wo aber kommt die Idee zu diesem Tweet her?

Nun, ich denk mir sowas doch nicht aus! Wie mir erzählt wurde, gibt es das beschriebene Szenario tatsächlich. Es befindet sich auf dem Geländes des ehemaligen Flugplatzes Berlin Johannisthal. Ein Teil dieses Geländes gehört inzwischen unter dem Namen Aerodynamischer Park zum Campus Adlershof der Humboldt Universität. Dort befinden sich einige historische Gebäude: der große Windkanal, der Trudelturm und schließlich der Motorenprüfstand. Diese nicht uninteressanten Anlagen kann man übrigens auch beim Tag des offenen Denkmals besichtigen.

Motorenprüfstand Berlin Adlershof
(Link folgen zum Vergrößern)

Von den drei Gebäuden wird nur der Motorenprüfstand für die Öffentlichkeit genutzt. Dort befindet sich ein studentisches Café. Es verfügt über zwei Etagen, innen gibt es eine und außen zwei Treppen. Die äußeren beiden aber sind gesperrt. Inzwischen haben sich dort sogar Blumenkübel angesiedelt, wie auf den Fotos meiner Campuskorrespondentin zu sehen ist.

Motorenprüfstand Berlin Adlershof, Treppe
(Link folgen zum Vergrößern)

Die Sperrung hat aber nichts mit Baufälligkeit zu tun, sondern damit, dass die Treppenstufen in ihren Maßen nicht normgerecht sind. Um Unfälle zu vermeiden, möchte man eben, dass sich alle Treppen ungefähr gleich begehen lassen. Eigentlich verständlich. Denkmalschutz wiederum ist bekannt für seine Strenge. An einem derart historischen Gebäude sind wohl keine Änderungen erlaubt, die das Erscheinungsbild wesentlich ändern. Im Grunde auch verständlich, im Zusammenspiel aber ärgerlich. Denn man kann zwar immer noch innen hochgehen, aber außen wärs einfach bequemer.

Nun. Das ist jedenfalls, was ich gehört habe. Ob es wirklich stimmt, weiss ich nicht. Man könnte das zwar recherchieren – aber bin ich Twitterer oder Journalist?

Karte: Motorenprüfstand bei Google Maps

Über das Faven

Manche Twitterer sagen, sie hätten das Favgeheimnis entdeckt. Sie wüssten genau, wie und was sie schreiben müssen, damit die Favs nur so purzeln. Das schien sogar einer der Gründe zu sein, warum der legendäre @peterbreuer sich das erste Mal von Twitter verabschiedete. Wenn einen nichts mehr überrascht, dann wird es fade.

Dementgegen habe ich überhaupt keine Ahnung, warum irgendwas gefavt wird und etwas anderes nicht. Es ist und bleibt mir ein ewiges Rätsel. Manchmal schreibt man irgendeine Schnoddrigkeit hin, einen saublöden Spontangedanken und die Leute mögen das. Manchmal macht man sich viele Gedanken, recherchiert in der Wikipedia und kondensiert mühevoll komplexeste philosophische Überlegungen auf 140 Zeichen und keine Sau interessierts.

Nehmen wir mal die folgenden beiden Tweets. Beide sind von der Form her sehr ähnlich, allerdings durch völlig unterschiedliche Gedanken entstanden:

Die Gabel – Der Schneebesen des kleinen Mannes.less than a minute ago via TweetDeck

und

Der Nazivergleich – Die Goebbelsrede des kleinen Mannes.less than a minute ago via TweetDeck

Welcher würde wohl mehr Favs bringen? Der erste war ein spontaner Einfall beim Kochen. Man mag ihm zugute halten, dass er das Lebensgefühl der abgerissenen, coolen Studentenhippies zu treffen sucht und sympathisch punkig der großen alten Kultur des Kochens gegenübertritt. Das wars dann aber auch schon.

Der zweite hingegen: ein Nazivergleich, die Königsdisziplin der Aphorismen! Wieder dabei ist das des-kleinen-Mannes-Mem. Das allein ist aber noch nichts. Denn – hold on to your seat! – dem Nazivergleich wird ein Nazivergleich übergestülpt. Wow, das ist so dermaßen Über-Meta, dass einem fast schwindelig wird. Stoff für ein ganzes philosophisches Universum, in nur fucking 7 Wörtern! Allenfalls etwas abgelutscht, die Nazivergleiche – aber Hand aufs Herz, welches Tweetthema ist das nicht?

Jetzt schauen wir uns das reale Ergebnis an. (Faver wurden anonymisiert, sind aber der Redaktion bekannt.)

Die Gabel – Der Schneebesen des kleinen Mannes. - 24 Favs

Schneebesen – 24 Favs

Der Nazivergleich – Die Goebbelsrede des kleinen Mannes. - 6 Favs

Goebbels – 6 Favs

Warum nur? Wie gesagt, ich werde es nie verstehen.

Was bleibt, ist die nagende Ungewissheit, ob man mit der Ersetzung von Goebbelsrede durch das zu dieser Zeit aktuelle Mem innerer Reichsparteitag dem Tweet doch noch zum Durchbruch hätte verhelfen können – oder aber den Leser endgültig mit einer Lawine von Popkulturbruchstücken erschlagen hätte.

beyond 140: Über Alchemisten und Maschinenstürmer

@bosch Noch stärker als das Wort „wüten“ ist übrigens „amoklaufen“ oder „ein Pogrom machen“. Keine Ursache, ich helf doch gern!less than a minute ago via TweetDeck

Diesen Tweet bezieht sich auf folgenden Tweet:

Bigotterie 2.0 – gegen Facebook wüten und gleichzeitig zum Empfehlen via FB auffordern. http://twitpic.com/1yyqqfless than a minute ago via Twitpic

Da muss man vielleicht länger ausholen. Vereinfacht gesagt gibt es in Bezug auf den Datenschutz in der Onlinewelt zwei Fraktionen:

Die Maschinenstürmer gibt es schon länger. Sie machen sich Sorgen über die Bedrohungen durch fehlenden Datenschutz und wollen die großen Maschinen der Neuzeit bändigen: Schnüffelstaat, Facebook, Google usw. Repräsentanten dieser Fraktion sind solch altehrwürdige Initiativen wie FoeBud, AK Vorrat und Big Brother Award.

Später sind die Alchemisten hinzugekommen. Die Adepten der Alchemisten glauben, dass sich freie Daten in Mehrwert-Gold verwandeln werden – wenn sich die Gesellschaft nur einer inneren Wandlung unterzieht. Die Verfechter dieser fortschrittsoptimistischen Fraktion sind Jeff Jarvis, Christian Heller, Michael Seemann und überhaupt die meisten in unserem Twitterversum.

Die Alchemisten machen sich natürlich über die rückgewärtsgewandte Einstellung der Maschinenstürmer lustig. So zog sich Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner viel Spott zu, als sie ihr Facebookprofil aus Protest löschte. In der gleichen Tradition steht auch der Tweet von @bosch. Er bezieht sich auf die Empfehlung von @FIXMBR_, den Like-Button von Facebook zu entfernen bzw. herauszufiltern. Der Like-Button ist insbesondere umstritten, weil er die Grenze von „ich gebe Facebook meine Daten“ zu „ich gebe Facebook fremder Leute Daten“ überschreitet (ähnlich, wie es auch die Funktion „Adressbuch hochladen“ tut).

Nun ist es jedem freigestellt, polemische, sarkastische und beschimpfende Kommentare zu twittern. Dagegen habe ich nichts. Dafür ist Twitter da. Aber wenn das von @bosch nicht als sinnfreie Beschimpfung, sondern als Argument gedacht war, dann lohnt hier eine nähere Betrachtung.

Zuerst wird FIXMBR unterstellt, er hege ein fanatisches Verhältnis zu Facebook, er „wüte“ dagegen. Dann wird ihm unterstellt, er würde seinen eigenen Anforderungen nicht gerecht, er verhalte sich „bigott“. Die erste Anschuldigung trifft gar nicht zu, wie man leicht bemerkt, wenn man sich seine Artikel in der Kategorie Facebook durchliest. Sein differenziertes Verhältnis wird insbesondere auch daran ersichtlich, dass er Facebook nutzt und zu seinen Blogartikeln einen „Share“-Button anbietet.

Hier kommt also der rhetorische Trick ins Spiel: FIXMBR wird ein fanatisches Verhältnis zu Facebook unterstellt („wüten“) und gerade der Beweis, dass dem nicht so ist, wird ihm in einer zweiten Wendung zusätzlich noch negativ angelastet („bigott“). Ein schöner und nicht ganz unüblicher Trick, auch anderswo im Bereich der politischen Diskussion. Insbesondere dann, wenn man sich in ein Lagerdenken hineinsteigert (wie es oben mit Alchemisten und Maschinenstürmern angedeutet ist).

Interessant an der Sache ist, dass sich der Betroffene schlecht wehren kann. Wenn er Differenzierung einfordert, dann wird meist mit dem Vorwurf der Haarspalterei geantwortet. Mit Differenzierung hat man sowieso meist schlechte Karten im Geschäft der oberflächlichen Polemik, auch – oder gerade weil – sich diese ganze rhetorische Konstruktion dann in Luft auflösen würde.

Bleibt für mich nur eine Frage offen: ist den Benutzern eigentlich der Trick bewußt oder fallen sie nur auf ihre Wahrnehmung herein?

Twitter Krimi – Teil 2

Im folgenden nun der 2. Teil des Twitter Krimis, der beim 6. Berliner Jour Fitz am 29.3. 2010 – dann doch total unvorangemeldet und spontan – gelesen wurde. Mein Dank gilt diesmal den Lektoren @artnoveau, @freval, @bangpowwww und @mbukowski, die sich mit verschiedenen Strategien und verwirrenden Ratschlägen beteiligt haben, auch wenn ich das meiste wider besseres Wissen ignoriert habe.
Dank für Anregungen und Feedback von @n303n und @hirngrille, besonders für den 1. Teil, was ich dort leider zunächst vergaß zu erwähnen.

Der Entfolger

Ein Mordfall in der schnellsten Szene der Welt

by xbg

Teil II

Als @saschalobo den Kommissar erblickte, rief er sichtlich aufgebracht: „Kommissar, gut, dass Sie da sind! Diesmal gehen die zu weit!“
Der Kommissar schaute ihn ratlos an: „Wer?“
„Na die Trolle von Krautchan! Eine Sache, mich zu belästigen. Eine andere, meinen Stargast umzubringen!“
„Ihren Stargast?“ echote der Kommissar.
„Ja, @karstenloh war der Überraschungsgast des Abends. Für das Kulturprogramm sollte er aus seinem Buch „Meine verschollenen Tweets. Jetzt nur noch im Premium-Sammelband erhältlich“ lesen. Jetzt schauen sie mal, was die angerichtet haben!“

‚Twitter Krimi – Teil 2‘ weiterlesen

Twitter Krimi – Teil 1

Im folgenden nun der 1. Teil des Twitter Krimis, der beim 4. Jour Fitz am 25. 1. 2010 gelesen wurde. Besonderen Dank an dieser Stelle an @mspro, der sich die Zeit nahm, um diesen Teil zu lektorieren, sowie @n303n und @hirngrille für großartige Anregungen.

Grundgedanke des ganzen ist ein Kurzkrimi, in dem die Hauptfiguren mit mehr oder weniger bekannten Twitterern besetzt sind. Rahmenhandlung und einige Textteile wurden im Herbst 2009 entwickelt, was nicht alle Ideen taufrisch wirken läßt. Nicht umsonst spricht man bei Twitter von der schnellsten Szene der Welt!

Der Entfolger

Ein Mordfall in der schnellsten Szene der Welt

by xbg

Teil I

Es war ein großartiges Ereignis und der Saal war äußerst gut gefüllt. Alles drängte sich, was Rang und Namen in der Szene hatte oder zumindestens ein iPhone vorweisen konnte. @saschalobo hatte geladen, um seine neue Idee vorzustellen. Per WLAN sollte Twitter-Werbung direkt in die Köpfe der Menschen gebeamt werden. „Immer und überall“, wie er nicht müde wurde zu betonen, „das ewige Werbertwittergewitter“. Den vereinzelten Skeptikern und Nörglern hielt er entgegen: „Ich möchte eben mit Funk-Werbung berieselt werden und mir gleichzeitig noch die klassische visuelle Werbung ansehen können!“. Für diese Vision hatte er monatelang Klinken geputzt und kräftig „Loboismus“ (wie er es augenzwinkernd nannte) betrieben. Nach und nach hatte er sie alle überzeugen können. Schließlich hatte sich nach dem üblichen Geschachere jede Firma, die jemals irgendein Großprojekt in Deutschland in den Sand gesetzt hatte und jede Partei, die am Abgrund ihrer Existenz stand, ihren Anteil am Kuchen sichern können.

Im Vorraum aber saß eine kleine Gruppe zusammen und schaute betreten. Sie wartete auf den Kommissar. Von einigen Teilnehmern war leises Schluchzen zu hören. Die Nachricht, dass @karstenloh tot in den Toilettenräumen aufgefunden worden war, breitete sich gerade in Windeseile im ganzen bekannten Twitterversum aus. 497 Favsterne reihten sich wie Tränen unter dem Tweet, der die allgemeine Gefühlslage am besten auf unter 140 Zeichen brachte: „Ohne @karstenloh werd ich nimmer froh. (Zeigt Eure Trauer mit einem Stern.)„. Tendenz stark steigend. Sogar aus @happyschnitzel war jede Honigkuchenhaftigkeit gewichen und sie hatte sich in @sadtofu umbenannt.

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