Archive for the ‘Über das …’ Category

Über Tweetklau

Donnerstag, April 9th, 2015

Ich erinnere mich noch gut: Ich fahre für einen Videoabend mit der U8 bis Boddinstraße. Das übliche während der U-Bahn-Fahrt. Jemand telefoniert, ein kryptisches Gespräch, ich tippe einen Tweet und sende ihn ab, sobald ich auf der Straße wieder Empfang habe. Danach widme ich mich dem Film und bekomme von der Twitterwelt nicht viel mit, denn da hatte ich noch ein Urgetüm von Smartphone, auf dem man nicht zwangsläufig merkt, wenn irgendjemand einem was favt oder retweetet. Erst später bemerkte ich, dass dieser Tweet wohl irgendwie (für meine Verhältnisse) viral gegangen war.

Inzwischen, möchte man meinen, ist der Spruch überall. In Witzesammlungen, bei frechen Sprüchen, SMS von gestern Nacht, auf Frageportalen und Facebookwänden. Ohne Bild, als Bild, mit oder ohne Quellenangabe, mit anderen Leuten als Quellenangabe oder als Eigenschöpfung ausgegeben. In verschiedenen Variationen: im Zug, in der S-Bahn, im Bus oder im Restaurant (was auch Sinn macht, denn U-Bahn ist etwas zu speziell für manche Landstriche). Eine Kopie hat mehr Favs und Retweets als das Original. Die Moderatorin eines Münchener Radiosenders hat ihn sich zugeschrieben. Das Beste: Jemand beschuldigt jemanden, diesen Spruch bei der Süddeutschen geklaut zu haben (diesen Link finde ich leider nicht wieder).

Gelegentlich werde ich von netten Menschen darauf hingewiesen, die der Tweetklau bekümmert und die die Tweetklauenden konfrontieren. Ich finde es gut, wenn junge Leute Emotionen empfinden, aber die Wahrheit ist leider: Ich spüre nichts dabei. Ich kann beim besten Willen nicht das Gefühl aufbringen, dass dieser Spruch in irgendeiner Weise mir gehören würde. Weder kann ich ihn kontrollieren noch verspüre ich das Bedürfnis danach. Er ist ein Kulturgut geworden. Ein interessanter Vorgang, zweifelsohne, aber rein emotional könnte es genausogut jemand anderem passiert sein.  Ich selbst empfinde ihn mittlerweile fast als generischen Witz, als klassisches Muster. Gelegentlich bekam ich sogar Zweifel, ob ich ihn mir wirklich ausgedacht habe. Dann suchte ich bei Google nach älteren Vorkommen, fand aber natürlich keine.

Nun. Ich habe Kultur in Aktion erlebt. Wenn ich mich beschwere, was soll dann erst derjenige sagen, der zuerst den Spruch „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ formuliert hat? Der hätte wirklich Grund dazu. Und vielleicht ist es sogar besser so, denn der Erfolg hat mir den Spruch entfremdet, ihn in meiner Einbildung mit populistischem Eifer gegenüber Bahntelefonierern aufgeladen, der vielleicht viel besser zu einer Münchener Radiomoderatorin mit künstlicher Lachkonserveneinspielung passt als zu mir. So bin ich gar nicht.

Was natürlich auch gesagt werden muss: Die Situation wäre sicher eine andere, wenn es in einem singulären Vorfall kommerziell verwertet worden wäre oder wenn ich mich von meinen Tweets ernähren müsste. Und womit ich nicht unbedingt gerechnet hätte: Das Bumerang kommt jetzt von der anderen Seite zurück. Jemand hat so oft die Kopie gelesen, dass er nun das Original für den Nachahmer hält. Zuerst dachte ich noch, es wäre ironisch gemeint. Aber wäre es ironisch gemeint, wozu sollte der Account mich dann blocken, so dass ich seinen Tweet noch nicht mal faven kann?

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Über Fakeaccounts

Donnerstag, Oktober 21st, 2010

Wenn wir den Namen ruhrbarone ruiniert haben, machen wir halt mit ruhrBild weiter. Na und?Tue Jun 01 13:16:59 via web

Das Phänomen der Fakeaccounts sorgt auf Twitter für eine Menge Spaß und Verwirrung. Aber neben all dem Spaß können sie auch ernste Funktionen erfüllen: Zynismus, PR-Gefasel und Populismus auf den Punkt bringen. Prominente Vertreter dieser Zunft sind solch legendäre Klassiker wie @bpglobalPR und @israelglobalPR. Lachen bis es schmerzt – für die Aufklärung.

Nehmen wir aber zum Beispiel mal die folgende, weit kleiner dimensionierte Geschichte. Die Macher des Blogs ruhrbarone haben eigentlich den Anspruch, als Journalisten „das Revier zu bloggen“. Sie sind aber eher für ein oft unterjournalistisches Niveau bekannt und dafür, ihr Blog immer wieder als Plattform für populistische Abrechnungen mit ihren Lieblingsgegnern zu nutzen, auch wenn das gar nichts mit dem Rurhrpott zu tun hat. So war es im Juni 2010 auch der Fall mit einem Bild-artigen Kommentar über die Verurteilung von Jörg Tauss. (Wobei das genau genommen das falsche Wort ist, denn eigentlich berichtete die Bild noch vergleichsweise fair über Jörg Tauss.) Der Artikel der ruhrbarone enthielt einige hasserfüllte Schmähungen, nachzulesen u.a. bei Reizzentrum (1), Reizzentrum (2), Politblogger, Tante Jays Cafe, wirres.net.

Obwohl in der Netzgemeinde kontrovers über Tauss diskutiert wurde, waren diese niveaulosen Angriffe dann doch zu viel und die ruhrbarone gerieten in einen kleinen Shitstorm auf Twitter und in Blogs. Wenngleich sich die ruhrbarone im großen und ganzen uneinsichtig zeigten, wurde ihr Artikel dann mehrmals – in einigen Punkten heimlich – geändert.

In dieser Situation betrat der Twitter-Account ruhrBild die Bühne. In Ergänzung zu ruhrbarone verbalisierte dieser Account die vermutlichen Gedanken der ruhrbarone, wehrt sich gegen Kritiker und bedankte sich bei den vereinzelten Unterstützern. Mehr oder weniger subtil nimmt er den Populismus der ruhrbarone auf die Schippe. Ein typische Antwort auf einen Kritiker sieht in etwa so aus:

Herrje, ist das eine unterirdische Scheisse von den @ruhrbarone – Schade, dass ich mein Abo nicht kündigen kann ,( #taussTue Jun 01 13:45:03 via Seesmic

Belesen Sie sich erstmal über den Unterschied zwischen Journaillismus und Journalismus ehe Sie meckern, @joschaefers! Wir machen ersteres!Tue Jun 01 15:18:38 via web

Dem Vorwurf der „klammheimlichen Änderung“ und daraus folgenden Vergleich mit dem „Ministerium für Wahrheit“ vom Reizzentrum tritt ruhrBild energisch und vor allem glaubhaft entgegen:

„Ministerium für Wahrheit”-Vergleich ist verfehlt, @reizzentrum! Passen Sie das an oder wir schicken die Profis unserer Änderungsabteilung!Tue Jun 01 17:20:59 via web

Bekanntlich ist keiner völlig unschuldig und ruhrBild nutzt das natürlich für sich:

Ob irgendjemand bei den Ruhrbaronen merkt, wie ihre Tauss-Kampagne ihrem kompletten Projekt die Glaubwürdigkeit weg fräst?Tue Jun 01 12:59:44 via Echofon

Hören Sie auf mit Ihrer Kampagne, @sebaso! Sonst recherchieren wir mal Ihre Befriedigungsvorlagen.Tue Jun 01 13:56:32 via web

Auf einen von Kotzmethaphern durchtränkten Artikel eines bekannten Bloggers findet man die richtige freundliche und sachliche Antwort:

Mein lieber Herr @diplix! Wenn Sie mal tief in unseren Kotzkübel schauen wollen, dann warten Sie ab, bis wir über Ihre Frisur berichten!Thu Jun 03 08:57:52 via web

Als die ruhrbarone wegen ihrer falschen Darstellung kritisiert werden, dass sich die Recherchen von Tauss um die Verbreitung von Kinderpornographie im Netz gedreht hätten, reden sie sich damit heraus, mit „Netz“ gar nicht das Internet zu meinen. ruhrBild leistet da natürlich sofort wertvolle argumentative Schützenhilfe:

Mit „Netz“ meinen wir eigentlich gar nichts. Logisch, denn ein Netz besteht doch zum größten Teil aus Löchern!Tue Jun 01 14:00:28 via web

Überhaupt, Kritik ist kein Grund nachdenklich zu werden, sondern eher Anlaß für eine ordentliche Generalabrechnung:

Empörend, wie einige hier die Freiheit des Netzes für Twitterterrorismus mißbrauchen!Tue Jun 01 14:14:14 via web

Ok, wir geilen uns an detaillierter Beschreibung von Kinderpornos auf. Aber unsere Kritiker gehen auf „Shitstorm“ ab! Eklige Analperverse!Tue Jun 01 16:47:52 via web

ruhrBild ist sich aber auch nicht zu fein, einen echten Dialog mit seinen Kritikern zu suchen:

Achja, wer wie @Ruhrbarone klammheimlich Artikel abändert, der verdient die Bezeichnung „Journalist“ absolut nicht. Stichwort: klarstellungTue Jun 01 16:42:20 via Echofon

„klammheimlich Artikel abändert“ müssen wir dementieren, @JohannesHoppe. Dank Werbeeinnahmen durch hohen Traffic sind wir gar nicht klamm!Tue Jun 01 17:45:39 via web

Hochmut #ruhrbarone RT @ruhrBild: klammheimlich Artikel abändert müssen wir dementieren[…]Dank Werbeeinnahmen[…]sind wir gar nicht klammTue Jun 01 18:35:53 via Echofon

Blöd! Kaum hat man sich mal einen vermeintlich Schwachen zum Nachtreten rausgesucht, kommen seine Internet-Freunde! Wie gemein ist das denn?Tue Jun 01 18:45:56 via web

Ich bin fasziniert von @ruhrBild . Da zwitschert gerade ein beleidigtes Vöglein. Unglaublich. So ein Bullshit ist echt selten! #RuhrbaroneTue Jun 01 18:47:04 via Echofon

Na Sie haben gut reden, @JohannesHoppe. Kann doch keiner ahnen, dass ein am Boden liegender noch zurücktreten kann!Tue Jun 01 18:55:13 via web

Denn tatsächlich ist zu beobachten, dass die meisten, die selbstverschuldet in einen Shitstorm geraten, auf bemerkenswerte Weise zwischen Arroganz und Wehleidigkeit schwanken. Auch ruhrBild kann sich diesem Phänomen nicht entziehen:

Warum mag uns keiner mehr? Nur weil wir unserem Tourette-Redakteur Freigang gewährt haben?Tue Jun 01 14:39:50 via web

Danke für Ihre Solidaritätsadresse, @exilanti! Wir werden sie ausdrucken und rahmen – der Beweis, dass wir nichts falsch gemacht haben!Wed Jun 02 11:28:59 via web

Das journalistische Verständnis und der Tiefgang der ruhrbarone stellt ruhrBild „in a nutshell“ dar:

Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass „Tauss“ und „Terrorist“ mit genau dem selben Buchstaben anfangen? Da recherchieren wir weiter!Wed Jun 02 17:08:19 via web

Schließlich treibt ruhrBild den Populismus der ruhrbarone symbolhaft auf die Spitze:

Wir machen unbeirrbar weiter mit den Entlarvungen von Schutzbehauptung – bis die Volksseele kocht!Tue Jun 01 13:51:53 via web

Wir sind ja auch keine Freunde der Braunen. Aber die haben „TODESSTRAFE FÜR KINDERSCHÄNDER“ Autoaufkleber! Gleich ein paar bestellt.Wed Jun 02 09:24:34 via web

Glücklicherweise bekommen die ruhrbarone schließlich doch noch einen prominenten Führsprecher: das Piratenweib! Bei ihr bedankt sich ruhrBild besonders herzlich für die Unterstützung:

ENDLICH denkt mal eine an die Kinder! Danke, @Piratenweib!Wed Jun 02 07:12:00 via web

@ruhrBild Bitte, gerne. Ich finde alle privaten Blogger sollten euch unterstützen. Ich denke, ich werde nochmal dazu bloggen.Wed Jun 02 12:55:55 via web

Danke nochmal, @Piratenweib. Wir würden uns mit einem „TODESSTRAFE FÜR KINDERSCHÄNDER“ Aufkleber revanchieren. Für Auto o. für Kinderwagen?Wed Jun 02 13:35:36 via web

@ruhrBild Ihr seid dumm. @ruhrbaroneWed Jun 02 14:25:11 via web

Aber … das Angebot war doch nur nett gemeint! Versteh das einer. Frauen!

Jetzt hat sich auch @Piratenweib gegen uns gewendet. Das haben wir nicht verdient! Oh Gott, was müssen wir noch erleiden?Wed Jun 02 16:16:09 via web

Epilog:

Der Account ruhrBild wird sich von dieser Abfuhr nie mehr so recht erholen und seine Arbeit bald einstellen. Offenbar verfolgte er keine höheren Ambitionen. Um bekannt zu werden, folgen viele Fakeaccounts aus dem Stand den üblichen Vertretern der Twitter-Elite. ruhrBild hingegegen unterließ derartige Anstrengungen sowie Suchspamming und blieb ein kleines, temporäres Projekt.

Die ruhrbarone ignorierten freundlich ihren Doppelgänger, zur beiderseitigen Zufriedenheit. Was aus ihnen geworden ist, wissen wir nicht.

Wenig später wird Piratenweib tatsächlich einen langatmigen Artikel zur Verteidigung der ruhrbarone schreiben. Sie schafft es allerdings in keinster Weise, auf die ursprünglichen, üblen Formulierungen im Artikel der ruhrbarone einzugehen, selbst als sie von Kommentatoren darauf angesprochen wird. Diese Ignoranz ist vermutlich einer der Gründe, wieso sie in Diskussionen nicht immer ernst genommen wird. Heute wie damals ist Piratenweib ein beliebtes Ziel für Trollereien und Shitstorms.


Über das Entfolgen

Dienstag, August 24th, 2010

Es ist nur Twitter, was bin ich froh, dass ich mein Ego nicht an Followern messen muss, wie so mancher hier! [Wattebällchen schmeiss]Di, 22. Juli 2010 10:51 via web

Solangsam macht mir das keinen Spaß mehr! Mich verlassen Follower der ersten Stunde. Alles Liebe und Good bye, war schön @FrauKupferblauDi, 22. Juli 2010 19:14 via Power Twitter

So sehr die Twitterer auch schwören mögen, dass es ihnen keinesfalls um die Follower gehe, so schmerzhaft kann es machmal doch sein, entfolgt zu werden. Davon legen diese beiden Tweets – im Abstand von lediglich 9 Stunden geschrieben – beredt Zeugnis ab. Nicht umsonst ist dies auch die Todesursache des Opfers im Twitterkrimi „Der Entfolger“.

Zwar nimmt – nach allem was man hört – der gewöhnliche Top-Twitterer sehr lässig die Entfolgung durch ihm unbekanntes Kroppzeug hin. Schließlich ist oberhalb einer bestimmten Followerzahl eine ständige Fluktuation Normalität und wird nur noch wie das Gewimmel in einem belebten Taubenschlag wahrgenommen. Hauptsache der Trend weist aufwärts.

Dennoch – so vermute ich – gibt es selbst im Kopf der coolsten Elite-Twitterer einen bestimmten Personenkreis, bei dem eine Entfolgung Emotionen auslöst. Mögen es andere tolle Alpha-Twitterer sein, langjährige Folger oder einfach jemand, zu dem man sich eine besondere geistige Verbindung halluzinierte.

Was bei der legendären @elsebuschheuer im Juni 2009 noch so leichtfüßig klang:

Ich folge nach dem Lust-, nicht nach dem Gefälligkeitsprinzip. Ständig überprüfe ich diesen Kreis, wähle ab, wähle neu, so wie jemand, der sich einen hochkomplizierten Diätplan zusammenstellt.

wurde offenbar schließlich zur Qual. Ein halbes Jahr später zerschlug sie den gordischen Knoten aus dem Gejammere enttäuschter Ex-Gefolgter, in dem sie radikal alle entfolgte. Vielleicht der richtige Anlaß, Jungtwitterern nochmal die sog. Bordell-Doktrin ans Herz legen:

Selbstverständlich behandle ich Eure Follows/Unfollows diskret! Will ja niemanden vom Besuch dieses kleine Twitter-Bordells abschrecken.Di, 26. Januar 2010 17:23 via TweetDeck

Aber nicht nur das entfolgt werden, sondern auch das Entfolgen kann alles andere als einfach sein. Kandidaten, bei denen beim besten Willen keine Mühe mehr zu erkennen ist, einen sinnvollen Beitrag zur eigenen Timeline beizusteuern, spüren oft auf geheimnisvolle Weise, dass sie zur Entfolgung vorgemerkt sind. Prompt finden sie eine Methode, sich über freundliche Reply oder exzessives Faven zurück ins eigene Twittererherz zu schmeicheln. Oder Twitterer, deren frischverliebtes Geturtele kaum auszuhalten ist, geloben doch noch Besserung. Und nur selten macht es einem jemand einfach mit dem Entfolgen, so wie in diesem (tatsächlich geschehenen) Fall:

Es ist nie leicht, jemanden zu entfolgen – außer er retweetet mir den unlustigen Dieter Nuhr in die Timeline.Mo, 21. Juni 2010 16:24 via TweetDeck

Das ist dann wirklich ein Glücksfall.

Wenn man entfolgt wurde, gilt das Zurückentfolgen zu Recht als unsouverän. Schließlich sollte man der reinen Lehre zufolge Twitterern nur aufgrund ihrer Tweets folgen. Manchmal kann es sogar vorkommen, dass man Entfolgern erst recht folgt. Das sieht vielleicht nach Schleimerei aus, hat aber nur den banalen Grund, dass ein Unfollow mehr Aufmerksamkeit als ein Follow erzeugt, gerade in Phasen, in denen viele Follower hinzukommen. Beim sorgfältigen Durchschauen des Accounts stellt man dann vielleicht fest, dass derjenige doch folgenswert ist.

Lediglich @saschalobo beherrscht die Sonderform des noch nicht mal Ignorierens. Als ich ihn einmal aufgrund der fiesen Steuerung meines Mobilgerätes aus Versehen entfolgte, wurde ich prompt zurückentfolgt. Hatte sich der Twitterpapst die Mühe gemacht, mich unbedeutenden Wurm persönlich zurückzuentfolgen?

Nun, ich glaube nicht. Ich glaube, @saschalobo hat Mechanismen, Automaten und Lakaien am Start, die das für ihn erledigen. Diese Strategie ermöglicht sowohl das Ignorieren auf persönlicher Ebene als auch den präzisen Gegenschlag gleichzeitig. Genial!

Update: Beim letzten Absatz handelt es sich um eine haltlose Spekulation meinerseits, die in den Kommentaren entschieden zurückgewiesen wird.

Über das Faven

Mittwoch, Juni 30th, 2010

Manche Twitterer sagen, sie hätten das Favgeheimnis entdeckt. Sie wüssten genau, wie und was sie schreiben müssen, damit die Favs nur so purzeln. Das schien sogar einer der Gründe zu sein, warum der legendäre @peterbreuer sich das erste Mal von Twitter verabschiedete. Wenn einen nichts mehr überrascht, dann wird es fade.

Dementgegen habe ich überhaupt keine Ahnung, warum irgendwas gefavt wird und etwas anderes nicht. Es ist und bleibt mir ein ewiges Rätsel. Manchmal schreibt man irgendeine Schnoddrigkeit hin, einen saublöden Spontangedanken und die Leute mögen das. Manchmal macht man sich viele Gedanken, recherchiert in der Wikipedia und kondensiert mühevoll komplexeste philosophische Überlegungen auf 140 Zeichen und keine Sau interessierts.

Nehmen wir mal die folgenden beiden Tweets. Beide sind von der Form her sehr ähnlich, allerdings durch völlig unterschiedliche Gedanken entstanden:

Die Gabel – Der Schneebesen des kleinen Mannes.less than a minute ago via TweetDeck

und

Der Nazivergleich – Die Goebbelsrede des kleinen Mannes.less than a minute ago via TweetDeck

Welcher würde wohl mehr Favs bringen? Der erste war ein spontaner Einfall beim Kochen. Man mag ihm zugute halten, dass er das Lebensgefühl der abgerissenen, coolen Studentenhippies zu treffen sucht und sympathisch punkig der großen alten Kultur des Kochens gegenübertritt. Das wars dann aber auch schon.

Der zweite hingegen: ein Nazivergleich, die Königsdisziplin der Aphorismen! Wieder dabei ist das des-kleinen-Mannes-Mem. Das allein ist aber noch nichts. Denn – hold on to your seat! – dem Nazivergleich wird ein Nazivergleich übergestülpt. Wow, das ist so dermaßen Über-Meta, dass einem fast schwindelig wird. Stoff für ein ganzes philosophisches Universum, in nur fucking 7 Wörtern! Allenfalls etwas abgelutscht, die Nazivergleiche – aber Hand aufs Herz, welches Tweetthema ist das nicht?

Jetzt schauen wir uns das reale Ergebnis an. (Faver wurden anonymisiert, sind aber der Redaktion bekannt.)

Die Gabel – Der Schneebesen des kleinen Mannes. - 24 Favs

Schneebesen – 24 Favs

Der Nazivergleich – Die Goebbelsrede des kleinen Mannes. - 6 Favs

Goebbels – 6 Favs

Warum nur? Wie gesagt, ich werde es nie verstehen.

Was bleibt, ist die nagende Ungewissheit, ob man mit der Ersetzung von Goebbelsrede durch das zu dieser Zeit aktuelle Mem innerer Reichsparteitag dem Tweet doch noch zum Durchbruch hätte verhelfen können – oder aber den Leser endgültig mit einer Lawine von Popkulturbruchstücken erschlagen hätte.