Archive for the ‘beyond 140’ Category

beyond 140: Norm und Denkmalschutz

Dienstag, Juli 27th, 2010

„Definiere Deutschland.“ – „Treppe gesperrt, weil Stufen nicht normgerecht. Umbau nicht möglich wegen Denkmalschutz.“Di, 13. Juli 2010 via TweetDeck

Dieser Tweet erreichte bislang 340 (System-)Retweets und 259 Favs – was ganz schön viel für einen einfachen Twitterer vom Lande wie mich ist. Nicht nur Eva-Herman-Bashing, sondern auch Bürokratiekritik ist offenbar imstande, die Herzen der Twitterer zu erreichen.

Wo aber kommt die Idee zu diesem Tweet her?

Nun, ich denk mir sowas doch nicht aus! Wie mir erzählt wurde, gibt es das beschriebene Szenario tatsächlich. Es befindet sich auf dem Geländes des ehemaligen Flugplatzes Berlin Johannisthal. Ein Teil dieses Geländes gehört inzwischen unter dem Namen Aerodynamischer Park zum Campus Adlershof der Humboldt Universität. Dort befinden sich einige historische Gebäude: der große Windkanal, der Trudelturm und schließlich der Motorenprüfstand. Diese nicht uninteressanten Anlagen kann man übrigens auch beim Tag des offenen Denkmals besichtigen.

Motorenprüfstand Berlin Adlershof
(Link folgen zum Vergrößern)

Von den drei Gebäuden wird nur der Motorenprüfstand für die Öffentlichkeit genutzt. Dort befindet sich ein studentisches Café. Es verfügt über zwei Etagen, innen gibt es eine und außen zwei Treppen. Die äußeren beiden aber sind gesperrt. Inzwischen haben sich dort sogar Blumenkübel angesiedelt, wie auf den Fotos meiner Campuskorrespondentin zu sehen ist.

Motorenprüfstand Berlin Adlershof, Treppe
(Link folgen zum Vergrößern)

Die Sperrung hat aber nichts mit Baufälligkeit zu tun, sondern damit, dass die Treppenstufen in ihren Maßen nicht normgerecht sind. Um Unfälle zu vermeiden, möchte man eben, dass sich alle Treppen ungefähr gleich begehen lassen. Eigentlich verständlich. Denkmalschutz wiederum ist bekannt für seine Strenge. An einem derart historischen Gebäude sind wohl keine Änderungen erlaubt, die das Erscheinungsbild wesentlich ändern. Im Grunde auch verständlich, im Zusammenspiel aber ärgerlich. Denn man kann zwar immer noch innen hochgehen, aber außen wärs einfach bequemer.

Nun. Das ist jedenfalls, was ich gehört habe. Ob es wirklich stimmt, weiss ich nicht. Man könnte das zwar recherchieren – aber bin ich Twitterer oder Journalist?

Karte: Motorenprüfstand bei Google Maps

beyond 140: Über Alchemisten und Maschinenstürmer

Donnerstag, Juni 24th, 2010

@bosch Noch stärker als das Wort „wüten“ ist übrigens „amoklaufen“ oder „ein Pogrom machen“. Keine Ursache, ich helf doch gern!less than a minute ago via TweetDeck

Diesen Tweet bezieht sich auf folgenden Tweet:

Bigotterie 2.0 – gegen Facebook wüten und gleichzeitig zum Empfehlen via FB auffordern. http://twitpic.com/1yyqqfless than a minute ago via Twitpic

Da muss man vielleicht länger ausholen. Vereinfacht gesagt gibt es in Bezug auf den Datenschutz in der Onlinewelt zwei Fraktionen:

Die Maschinenstürmer gibt es schon länger. Sie machen sich Sorgen über die Bedrohungen durch fehlenden Datenschutz und wollen die großen Maschinen der Neuzeit bändigen: Schnüffelstaat, Facebook, Google usw. Repräsentanten dieser Fraktion sind solch altehrwürdige Initiativen wie FoeBud, AK Vorrat und Big Brother Award.

Später sind die Alchemisten hinzugekommen. Die Adepten der Alchemisten glauben, dass sich freie Daten in Mehrwert-Gold verwandeln werden – wenn sich die Gesellschaft nur einer inneren Wandlung unterzieht. Die Verfechter dieser fortschrittsoptimistischen Fraktion sind Jeff Jarvis, Christian Heller, Michael Seemann und überhaupt die meisten in unserem Twitterversum.

Die Alchemisten machen sich natürlich über die rückgewärtsgewandte Einstellung der Maschinenstürmer lustig. So zog sich Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner viel Spott zu, als sie ihr Facebookprofil aus Protest löschte. In der gleichen Tradition steht auch der Tweet von @bosch. Er bezieht sich auf die Empfehlung von @FIXMBR_, den Like-Button von Facebook zu entfernen bzw. herauszufiltern. Der Like-Button ist insbesondere umstritten, weil er die Grenze von „ich gebe Facebook meine Daten“ zu „ich gebe Facebook fremder Leute Daten“ überschreitet (ähnlich, wie es auch die Funktion „Adressbuch hochladen“ tut).

Nun ist es jedem freigestellt, polemische, sarkastische und beschimpfende Kommentare zu twittern. Dagegen habe ich nichts. Dafür ist Twitter da. Aber wenn das von @bosch nicht als sinnfreie Beschimpfung, sondern als Argument gedacht war, dann lohnt hier eine nähere Betrachtung.

Zuerst wird FIXMBR unterstellt, er hege ein fanatisches Verhältnis zu Facebook, er „wüte“ dagegen. Dann wird ihm unterstellt, er würde seinen eigenen Anforderungen nicht gerecht, er verhalte sich „bigott“. Die erste Anschuldigung trifft gar nicht zu, wie man leicht bemerkt, wenn man sich seine Artikel in der Kategorie Facebook durchliest. Sein differenziertes Verhältnis wird insbesondere auch daran ersichtlich, dass er Facebook nutzt und zu seinen Blogartikeln einen „Share“-Button anbietet.

Hier kommt also der rhetorische Trick ins Spiel: FIXMBR wird ein fanatisches Verhältnis zu Facebook unterstellt („wüten“) und gerade der Beweis, dass dem nicht so ist, wird ihm in einer zweiten Wendung zusätzlich noch negativ angelastet („bigott“). Ein schöner und nicht ganz unüblicher Trick, auch anderswo im Bereich der politischen Diskussion. Insbesondere dann, wenn man sich in ein Lagerdenken hineinsteigert (wie es oben mit Alchemisten und Maschinenstürmern angedeutet ist).

Interessant an der Sache ist, dass sich der Betroffene schlecht wehren kann. Wenn er Differenzierung einfordert, dann wird meist mit dem Vorwurf der Haarspalterei geantwortet. Mit Differenzierung hat man sowieso meist schlechte Karten im Geschäft der oberflächlichen Polemik, auch – oder gerade weil – sich diese ganze rhetorische Konstruktion dann in Luft auflösen würde.

Bleibt für mich nur eine Frage offen: ist den Benutzern eigentlich der Trick bewußt oder fallen sie nur auf ihre Wahrnehmung herein?