Archive for the ‘Allgemein’ Category

Wenn zwei das gleiche sagen ..

Freitag, Mai 13th, 2016

Die Zeiten werden zunehmend identitärer. In Folge wird wichtiger, wer etwas sagt, als was er sagt. Das treibt bisweilen merkwürdige Blüten. Zum Beispiel gerade bei der These, die besagt, dass die Phänomene Trump/AfD u.a. auch eine Gegenbewegung zu den Shitstorms der „Political Correctness“ seien.

Das hat Sascha Lobo in einer SPON-Kolumne formuliert:

Es trifft einen essentiellen politischen Punkt, der für Trumps Erfolg entscheidend ist. Das Gefühl, nichts mehr sagen zu dürfen, aus Gründen der ‚Political Correctness‘. […] Und dabei dringen diese Kommunikationsregeln für die große, massenmediale Öffentlichkeit bei allen Leuten auch in die gefühlt private, digitale Kommunikation.

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/us-vorwahl-sascha-lobo-erklaert-donald-trumps-erfolg-in-drei-tweets-a-1090742.html

Und das hat auch Jan Fleischhauer in einer SPON-Kolumne formuliert:

„Ein Satz reichte, um aus dem weithin geschätzten Politiker einen ‚Grabscher‘ zu machen, eine traurige Witzfigur aus der ‚Vor-Moderne‘ (‚Stern‘), an dem sich jeder abarbeiten durfte, der über einen Twitter-Account verfügte. […] Wenn es einen Moment gibt, an dem die neue soziale Bewegung ihren Ausgang nahm, deren sichtbarster Ausdruck die AfD ist, dann in der Brüderle-Affäre. […] Sie sind es einfach leid, dass aus jedem Ausrutscher ein Skandal gemacht wird, weil irgendwelche Anti-Diskriminierungs-Aktivisten den Alarmknopf drücken.“

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/political-correctness-der-rueckschlag-fleischhauer-kolumne-a-1091540.html

Die Kernthese ist die gleiche: Kleine oder private Anlässe können heute eine im Verhältnis unangemessen erscheinende Skandalisierung an der Öffentlichkeit nach sich ziehen, mit unkalkulierbaren Folgen für den einzelnen. Die neuen rechten Bewegungen profitieren davon, dass Menschen dieses Phänomen leid sind, ohne eine seriösere Andockgelegenheit zu finden als Trump/AfD. Ob die These richtig ist, sei dahingestellt. Klar ist auch, dass beide Autoren sie aus verschiedenen Blickwinkeln und unterschiedlichen Betonungen (Technik bei Lobo, Mensch bei Fleischhauer) beleuchten. Unbestreitbar ist aber, dass es im Kern um die gleiche These geht.

Wie wenig argumentativ interessiert und wie stark identitär orientiert die Netzgemeinde inzwischen ist, zeigt sich daran, auf welche Weise die Kolumnen bewertet werden. Während Lobos Kolumne eine „kluge Analyse“ ist, zeugt Fleischhauers Kolumne von „überragenden Drogen“, er sei „irrlichternd“ und „verwirrt“ – und ja, das kommt teilweise von der selben Person. Sorry, die These muss niemanden überzeugen, aber please get a grip und orientiert euch konsistent und inhaltlich, statt sektiererische Identitätspolitik zu veranstalten. Damit wäre dem Netz schon sehr geholfen.

Update: Der Autor Sascha Lobo weist darauf hin, dass er durch meine Auswahl der Zitate den Sinn seiner Kolumne auf den Kopf gestellt sieht und dadurch meine Zusammenfassung seines Inhalts nicht mehr gedeckt ist. Entscheidender Unterschied sei z.B. in diesen Stellen zu finden:

„Gleichzeitig haben soziale Medien durch ihre schnelle Verbreitung und die Reichweite über das engste soziale Umfeld hinaus bewirkt, dass kontroverse und erst recht menschenfeindliche Äußerungen Gegenwind erfahren. Das ist aus meiner Perspektive gut, weil Widerspruch gegen Menschenfeindlichkeit ein wichtiges Instrument der Zivilgesellschaft ist. Aber Leute wie Trump- oder AfD-Wähler interpretieren Widerspruch als gefühltes Verbot. Dahinter stehen völlig verschobene Maßstäbe rund um den Begriff Meinungsfreiheit, denn „Man darf nicht mehr x sagen“ müsste eigentlich heißen: „Man kann nicht mehr x sagen, ohne dass jemand widerspricht.“

Wer früher in seinem Wohnzimmer rassistische Witze gemacht hat, unwidersprochen, ungestraft, der kann genau das in seinem neuen, digitalen Wohnzimmer eben nicht mehr tun, ohne Konsequenzen zu fürchten. Persönlich finde ich das richtig, aber das ändert ja nichts daran, das als Einschränkung der persönlichen Kommunikation zu empfinden. Dieses Gefühl eint Rechtspopulisten auf der ganzen Welt.“

Eine Ode auf Gösser

Dienstag, September 1st, 2015

Als ich vor einigen Jahren in Österreich weilte, verkostete ich ein Radler der Marke Gösser. Der Trick ist, der Limonadenanteil dieses Radlers schmeckt nicht nach Sprite-Quatsch, sondern beachtlich fruchtig. Angetan vom Wohlgeschmack nahm ich zwei Flaschen mit nach Hause. Rechtschaffen erschöpft nach einem Umzug gönnte ich mir eine Flasche davon und erklärte feierlich, ich habe es extra aus Österreich für diesen besonderen Moment importiert. Worauf mein Bruder trocken bemerkte: „Das gibts doch bei uns im Späti.“.IMG_20150819_191234

Damals mag es nur ein Späti an der Grenze zwischen Mitte und Prenzlauer Berg gewesen sein. Spätestens im heurigen Sommer aber hat sich einen festen Platz in den Spätis aller Berliner Hipserbezirke erobert. Ansammlungen von Feierwilligen oder Pfandflaschen kommen selten ohne Beimengungen diese Sorte aus. Der Erfolg treibt eine ganze Kategorie „Naturradler“ vor sich her. Nur Supermärkte zögern noch.

Die Stärke von Gösser Radler liegt meiner Meinung darin, dass es einfach nicht nach Bier schmeckt, sondern wie ein leckerer Softdrink. Denn geben wir es zu: Bier schmeckt nicht. Die Minderwertigkeit von Bier erkennt man allein daran, dass es in Gaststätten billiger als Softdrinks ist, ohne Eingriff des Gesetzgebers sogar oft billiger als Wasser wäre! Bier ist im wesentlichen vergorenes Wasser. Die enorm priviligierte gesellschaftliche Bedeutung dieses Getränks beruht allein darauf, dass im Mittelalter den Keimen im Trinkwasser nur mit Gärung beizukommen war. Seitdem ist unser Unterbewusstseins auf Bier fehlprogrammiert.  Mit Gösser Radler kann man dem Unterbewusstsein das gute Gefühl geben, nicht durch Keime vergiftet zu werden, während man gleichzeitig den Biergeschmack nicht ertragen muss.

Aber natürlich kann auch das nur eine Zwischenlösung sein, um uns endlich von dieser dunklen, mittelalterlichen Bierepoche zu lösen. Schaffen wir eine bessere Welt ohne Bier, damit Hass und Gewalt von den Straßen verschwinden, Frauen des Nachts wieder ohne Furcht wandeln können und Kinderlachen allenthalben ertönt. Danke Gösser, für diesen Anfang!

Katze im Hinterhof

Freitag, Oktober 28th, 2011

Eine Geschichte, wie ich mal mit der Katze im Hinterhof war und wie es dann außer Kontrolle geriet.

Die arme Wohnungskatze. Den ganzen Sommer über war sie nur ein paar mal draußen. An einem der letzten schönen Tage im Jahr sollte ich also wenigstens noch einmal mit ihr in den Hinterhof, damit sie mal was anderes sieht. Ich nehme sie also mit runter in den Hinterhof, lasse sie frei und höre einen Podcast.

Später ist es an der Zeit, aufzubrechen. Die Katze ist gelangweilt und wieder in der Box. Ich packe zusammen, nehme die Box und gehe zum Kellereingang, durch den ich den Hinterhof verlassen will. Plötzlich sehe ich aus den Augenwinkeln etwas vor mir nach rechts zur Seite huschen. Ich gehe um das Gebüsch und dort steht sie, die Andere Katze, die Katze, die den Hinterhof bewohnt. Ich denke, prima, können sich die beiden doch mal kennenlernen. Die Katze kennt die Andere Katze nur vom aus dem Fenster gucken, von weit oben, und das ist ja kein richtiges Kennen, eher vermutlich so wie Internet bei Menschen.

Ich stelle also die Box hin, mit der offenen Tür zu der Anderen Katze. Langsam kommt die Katze raus, und die Andere Katze wird sehr aufmerksam. Die Katze aber scheint relativ gleichgültig, sie schaut zwar ein bißchen die Andere Katze an, aber auch lange zur Seite. Sie ist als Wohnungskatze überhaupt keine anderen Katzen gewöhnt. Während die Katze wegguckt, schleicht sich die Andere Katze an. Und ich denke noch so: das musst Du doch merken, Katze, dass die Andere sich anschleicht. Mir ist ein bißchen unwohl, immerhin ist die Katze behindert und eine Wohnungskatze. Einer kampferprobten Straßenkatze ist sie hilflos ausgeliefert. Aber ich habe noch meine Decke, die ich notfalls nach der Anderen Katze werfen kann. Die Katze jedenfalls ist echt gleichgültig, sie interessiert sich vielmehr für die Gruppe von Gartenzwergen, schleicht zu ihnen und schnuppert arglos. Dann geht sie langsam Richtung Gebüsch, die Andere Katze schleicht hinterher, und das ist nicht so gut, denn die hat bestimmt keine guten Absichten. Ich laufe auch hinterher, aber die Katze wird nur schneller. Die Katze verschwindet im Gebüsch und ich kann nicht hinterher, denn da ist es zu dicht. Ich muss zurückgehen, um einen Bogen zu schlagen, da höre ich schon Fauchen und das wilde Schreien eines Katzenkampfes. Ich renne nun durchs Gebüsch auf den Lärm zu und ich sehe die Andere Katze nach rechts preschen. Die Katze aber rennt geradeaus vor mir weg und ich denke, das ist jetzt langsam nicht gut, es wird ja auch schon dunkel und ich kann sie kaum ausmachen. Dann bleibt die Katze am Zaun sitzen und ich sehe, dass ein Stückchen weiter unter dem Zaun freigebuddelt ist, dass sie da durch könnte und das wäre überhaupt nicht gut, denn die Andere Katze ist ja vermutlich auch noch auf der Jagd nach ihr. Die Katze sitzt da und ich hole das Trockenfutter aus der Jackentasche und klimpere damit, aber davon läßt sie sich nicht beeindrucken. Ich halte es ihr hin und komme gebückt langsam näher. Dann flieht sie wieder, durchs Gestrüpp, ich hinterher, versuche sie zu fassen, Brennesseln treffen meine Hände, an einer Stelle blutet es, aber das merke ich erst hinterher. Langsam kriege ich Panik, wie die Katze offenbar auch. Ich habe keine Ahnung, wie ich sie kriegen soll und wie lange das noch so gehen soll und ob die Andere Katze sie erwischt, wenn ich nicht hinterherkomme. Aber dann wirft sie sich auf den Rücken in Verteidigungshaltung und ich werfe die Decke auf sie und versuche sie damit zu fassen, sie wehrt sich heftig. Ich würde ungern meine bloßen Hände ins Spiel bringen, die haben schon Erfahrung mit ihren Krallen gemacht, allerdings macht die Decke die Katze wahrscheinlich noch panischer. Sie schreit wie im Todeskampf, vermutlich wähnt sie sich auch in einem, sie windet sich mit dem ganzen Körper, sie entwindet sich und läuft wieder. Es ist inzwischen schon ziemlich dunkel, erst recht hier, ich sehe sie nur als Schemen zwischen den Pflanzen. Dann ist sie wieder auf dem Rücken. Ich denke, diesmal gilt es, ich kann sie nicht entkommen lassen, wieder mit der Decke, ein wahnsinniger Kampf, quälend lautes Geschrei von der Katze, ich muss mit aller Kraft zupacken, sie windet sich wie eine Robbe, entgleitet fast, endlich habe ich sie oben. Es ist dunkel und ich kann sie nicht sehen und ich frage mich kurz, ob es überhaupt die richtige Katze ist, aber jede andere hätte ich vermutlich nicht so schnell erwischt, so einfach hat sie es ja auch nicht mit ihrer Behinderung in unbekanntem Gelände. Als ich sie oben habe, ist sie plötzlich völlig ruhig. Ich trage sie zur Box und tue sie ohne Gegenwehr hinein, schließe die Tür und atme tief durch.

Also, wenn man sowas zusammen durchmacht, mit so ner Katze, also, das schweißt ja schon irgendwie zusammen.

Anmerkung: Ich verwende Katze im generischen Feminina. Das stellt ledglich die Gattungsbezeichnung dar, Kater sollen damit nicht ausgeschlossen werden.

Get Amen

Dienstag, September 6th, 2011

Wie man hört, besteht der Kern der Sucht nach sozialen Medien keineswegs darin, etwas über andere zu erfahren, sondern vielmehr Bestätigung und soziales Feedback zu bekommen. Das neue Netzwerk Amen scheint diese urmenschliche Triebfeder gleichsam in-a-Nutshell herauszusezieren und in konzentrierter Form als Motivator zu verwenden. Denn die Zustimmung hat hier einen zentralen Platz.

Auf Amen kann man nicht viel mehr tun, als einfache Aussagen in den Raum zu werfen sowie solchen zustimmen oder sie mit einer Gegenthese zu versehen. Die Aussagen bekommen durch den unveränderlichen Kern „is the Best“ oder „is the Worst“ leicht den Charakter einer Meinung. Je mehr Amens die eigenen Aussagen als Zustimmung erhalten, desto mehr kann man sich als Meinungsführer fühlen. Am Anfang ist nicht ganz klar, wozu dieser Dienst dienen soll und von offizieller Seite gibt es dazu auch keine Hinweise. Aber stand das dem Erfolg sozialer Netzwerke jemals im Wege?

Die bestehenden Aussagen in der Beta-Phase haben zunächst die übliche Mischung aus Ironie, persönlichen Aussagen und Empfehlungen. Die Kategorisierung in Things, Places und People hinterässt jedenfalls den Eindruck, dass es als Bewertungs- und Empfehlungsplattform gedacht ist. Wenn Twitter Informationen auf Steroid ist, dann könnte die starke Verkürzung der Aussagen auf einen Meinungskern Amen zu einer Empfehlungsplattform auf Steroid machen.

Einerseits wird man sich von Dingen und Plätzen, die Freunde empfehlen oder vor denen sie warnen, inspirieren lassen können, ähnlich wie bei Blippy.

Andererseits könnte man sich durch die Statistik zu vielen kleinen, nebenbei abgegebenen Aussagen zu einem Platz eine Meinung bilden, statt sich durch 10 Restaurantkritiken auf Qype zu wühlen und versuchen herauszufinden, ob der Verfasser eines Verrisses einfach ein Irrer ist, ganz andere Ansprüche hat oder genauso tickt wie man selbst. Das ist vielleicht nicht unbedingt die fundiertere Bewertung, aber deutlich schneller – und das ist, was heutzutage zählt. Gerade mobil.

Ob durch Amen Hypes schneller und besser sichtbar werden bleibt abzuwarten. Aber wenn Amen es tatsächlich schafft, eine hohe Aussagenmenge zu Dingen und Plätzen zu akkumulieren, dann könnte es durchaus nützlich werden.

Kommunismus in Tempelhof

Montag, September 5th, 2011

Besonders die entspannte Atmosphäre ist, was mir auffällt, wenn ich den stillgelegten Flughafen Tempelhof besuche. Es gibt dort Kleingärtner, Fußballspieler, Leute mit Lenkdrachen und Leute mit allerlei ferngesteuertem Zeug, Juggernauten, Fahrradfahrer, Skater, Windsurfer, Picknicker, Griller, Familien, Hundehalter usw. Normalerweise würde man bei solch einer Vielfalt Stress und Interessenskonflikte erwarten, aber die riesige Fläche sorgt dafür, dass sich die Leute gut aus dem Weg gehen können und es dazu noch spezialisierte Plätze für verschiedene Gruppen gibt. Selbst die kleinen Kinder, die ständig den Fahrradfahrern in den Weg laufen, sorgen nicht für Stress.

Inzwischen wurde eine Fläche für eine neue Randgruppe eingerichtet: Leute, die gern auf Heuballen rumliegen. Gestern zog es zwar viele Menschen in den Park, da es der vielleicht letzte schöne Sonntag im Jahr war, aber dennoch blieben genug Heuballen für alle, die welche wollten.

Was folgt daraus? Offenbar bedarf es nicht viel mehr als ein sattes Überangebot – und die Abwesenheit des raubtierhaften Konkurrenzdrucks wird sich in einer spürbar angenehmen Atmosphäre niederschlagen. Den nächsten Kommunismus also bitte nicht aus der Mangelwirtschaft, sondern aus der Überflußgesellschaft starten.

Zwei Jahre @xbg auf Twitter

Donnerstag, März 3rd, 2011

Letzthin wurde ich informiert, zwei Jahre auf Twitter zu sein:

Heute 2 Jahre auf Twitter: @ZDNet_de, @tomkolbe, @silicon_de, @boell_stiftung, @xbg und @einfallsreichtv22. 01. 2011 via Twopcharts

Außerdem erkannten gleichzeitig mit mir die Zeichen der Zeit: n-tv Netzreporter, Verfassungsgericht, HeinrichBöllStiftung, Redaktion ZDNet.de und die Mädchenmannschaft. Mit anderen Worten: für einen netzkulturaffinen Menschen war ich deutlich zu spät dran.

Eigentlich wollte ich ja schon früher einen Account anlegen. Als Fan der Riesenmaschinenbesatzung war es nur logisch, die Twitteraccounts von Kathrin Passig und Sascha Lobo zu lesen. Aber ich tat es zunächst mittels Bookmark im Browser. Für einen eigenen Account hatte ich zwar im Sommer 2008 eine Idee, die ich aber mangels Faulheit nicht umsetzte. Schade, denn je früher der Zeitpunkt, destso kleiner und durchlässiger die Szene. Andererseits vielleicht auch ganz gut so, denn sonst hieße ich nun @3monateneukoelln, oder ähnlich.

Der Kristallisationspunkt war dann für mich, dass sich ein Freund, @hesk, einen Account anlegte. Zu dem Zeitpunkt erstellte ich neue Accounts prinzipiell mit neuen Internetidentitäten und musste mir folglich auch einen neuen Nick für Twitter suchen. Außerdem hatte ich mir eingeredet, dass auf Twitter ein kurzer Name besser sei. Alle zweibuchstabigen Namen schienen zu diesem Zeitpunkt schon vergeben. Da ich damals in Kreuzberg wohnte, bildete ich dann schließlich den Namen durch maximale Verkürzung dieses Wortes. Als ich dann die Buchstabenfolge hingeschrieb, paßt auf einmal alles. Allerdings sehe ich es nicht so, dass xbg wirklich Kreuzberg bedeutet, es ist nur davon abgeleitet. Aber, hoffentlich kreuzbergig genug, so war damals mein Ausblick:

Ich führe einen unchattigen Twitteraccount und konsequenterweise habe ich mich am Anfang auch nicht mit einem „Hallo Welt“-Tweet aufgehalten, sondern mit einer wirklich wahren Geschichte begonnen. Die ID des Tweets ist mit 1140409447 immerhin schon einen zehnstellige Nummer, aber in Anbetracht der momentan üblichen Siebzehnsteller ist das wirklich niedlich!

Wie kann in ein paar Tagen nur so viel aus dem großen Honig-Pott verschwinden? – Sie haben wohl Yogi-Tee Orgien gefeiert, als ich weg war..Di 22. 01. 2009 22:43 via web

Am Anfang twitterte ich noch berichtender über mein Leben (besuchte Konzerte, gelesene Bücher etc) und nicht so abstrahiert wie heute. Auch war es damals noch üblich, Hashtags zur weiteren Erklärung (oder zur ironischen Brechung) zu verwenden.

Nein, S., was Du machst ist keine Lohnarbeit, sondern staatlich alimentierter Schnickschnack. #osi-mitarbeiter #proletenkultDi, 12. 02. 2009, 12:21 via web

Im Mai 2009 hatte ich dann den ersten Tweet, der für meine damaligen Verhältnisse viral ging und sogar in @withoutfields Blog landete:

http://twitpic.com/63xfb – Na endlich tun die mal was gegen diese verdammten Falschparker!Do, 28. 05. 2009 11:11 via TwitPic

Meine Followerschaft stieg langsam, aber stetig. Da damals noch nicht alle so Timeline-gesättigt wie heute waren, konnte es durchaus vorkommen, dass man zurückgefolgt wurde. @kathrinpassig etwa folgte zurück, @saschalobo nicht. Letzterer veranstaltete von Zeit zu Zeit aber kleine Wettbewerbe, deren Gewinner er empfahl. Die Folge war ein Tsunami von Neufollowern. Es mag zwar ähnlich peinlich wie für Schauspieler ihre frühen Pornofilme sein, aber einmal bewarb ich mich erfolgreich um eine von 10 Empfehlungen mit folgendem Tweet. Nun – ich war jung und brauchte die Follower!

@saschalobo Lieber netter Twittergott, empfiehl doch bitte meinen Twitterschrott!Fr, 17. 04. 2009 12:21 via TweetDeck

Sprünge in der Followerzahl brachten auch Twittertreffen. Das erste Twittertreffen, an welche ich teilnahm, war ein gewisses Twexicana, das zweite dann ein recht großes Treffen im Ballhaus Ost. Das flashte mich ziemlich, weil es zeigte, dass sich in der Twitter-Szene eben nicht nur Programmiernerds tummelten, sondern auch viele interessante Kreative. Dort traf ich zum ersten Mal Twitterstars wie @euphoriefetzen, @stijlroyal und @schlenzalot. @Vergraemer war damals allerdings noch eine mythische Figur, von der keiner so recht näheres wußte. Und Sascha Lobo bezahlte alle ausstehenden Getränke.

Vodafone hat meine Cola bezahlt. Ich fühl mich schmutzig. #ballhaus09 #loboDi, 11. August 2009, 9:49 via TweetDeck

Und natürlich schossen viele Twittergrößen followermäßig wie Luftblasen an mir vorbei. Den @diktator lernte ich auf einem Jour Fitz kennen, als er noch unschuldige 100nochwas Follower hatte. Damals war ich noch in der Position, ihn empfehlen zu können. Man möge sich das mal vorstellen!

Oh nein, der @booldog hat schon den @diktator empfohlen. Das wollte ich doch machen. Dann empfehl ich jetzt hier gar nichts mehr! #ffFr, 04. 12. 2009 17:54 via TweetDeck

Heutzutage wäre das natürlich ein Witz. Wenn @diktator nachts in einer Kneipe betrunken in sentimentale Stimmung verfällt, Mitleid mit mir bekommt und mich seinen mehr als 10.000 Followern empfiehlt, dann bringt mir das mehr Follower, als er damals bei unserem ersten Treffen überhaupt hatte.
Ach, die Kinder werden so schnell erwachsen!

Eine ähnliche Situation verdeutlichte ich mit einer Grafik über die Followerentwicklung von @n303n und mir.

http://twitpic.com/eotau – Wie man deutlich sieht: @n303n hat mich für @matola verlassen. http://ow.ly/kOhu Was hat er, was ich nicht habe?Fr, 21. 08. 2009 06:55 via TwitPic

Zum Jahreswechsel 2009/2010 spendierte mir @spreequell ein Redesign meines Avatars. Ihre Motivation war schlicht, dass sie meinen alten Avatar nicht mehr in ihrer Timeline ertrug. Dieser schien sowieso eine Art Rorschachtest für diejenigen zu sein, die ihn nicht vergrößerten. Die Interpretationen reichten von Hexe über Robbe bis zu Kakerlake.

<- alt | neu ->

In der Vergrößerung aber klar zu erkennen als Vogel, der einen Menschen verschlingt. Man kann das als Allegorie auf Twitter begreifen: das durch den Vogel symbolisierte Twitter frisst den Menschen oder kürzer: Twitter fressen Seele auf.

Das Bild stammt aus einem Grafitti, welches sich in Kreuzberg Glogauer / Ecke Reichenburger Straße befand. Inzwischen ist es leider nicht mehr da. Leicht bearbeitet ist es dann auch mein Twitterhintergrundbild geworden. Das Original sah so aus:

In der Folgezeit ging das alles erst richtig los: Jour Fitz, @n303n wurde nach Berlin geholt, Twitterkrimi, Margarete F., re:publica, virale Tweets, im Twitterbuch zitiert, von @Frauenfuss gemalt, für eine Abschlussarbeit interviewt, meistgefavter deutscher Tweet, 2000 Follower etc. pp.

Aber das sind andere Geschichten, die Opi vielleicht ein ander Mal erzählt.

Halloween im Wrangelkiez

Sonntag, Oktober 31st, 2010

Diesen Text schrieb ich am 31. Oktober 2005 anlässlich meines kurz zuvor erfolgten Einzugs in den Wrangelkiez. Der Wrangelkiez war damals noch verrufen. Glaube ich.

Da hatte ich doch extra beim Angestelltenschinder Lidl noch Zyankali Kaubonbons mitgehen lassen, um auf den Ansturm netter, knuffiger, originell verkleideter Halloween-Kinder vorbereitet zu sein. Aber als bis gegen 22 Uhr niemand kam, dachte ich schon, nun müsse ich den Mist alleine aufessen. Kurz darauf klingelte es dann aber doch. Freudig ergriff ich die Tüte Bonbons und eilte zur Tür. Draußen standen zwei ca. 11-jährige Kinder. Dem einen hing eine Totenkopfmaske lustlos um den Hals. „Hey Mann, schmeiß Tüte rüber, oder isch hol großen Bruder.“ murmelte er in seinem depravierten Gossendeutsch. Ich stand wohl einen Augenblick zu lange verdutzt da, da er mir dann die ganze Tüte aus den Händen riss. „Und mach disch locker, Mann!“ rief er noch, als sich beide die Treppe runter trollten.

„Meine Güte!“ dachte ich. „Damit ist ja Halloween für mich gelaufen.“ Aber der Alptraum sollte erst losgehen. Wieder klingelte es. Noch etwas benommen von den Ereignissen ging ich zur Tür. Draußen drei ca. 14-jährige in gruseligst prolligen Markenklamotten. „Eh Alta, schieb dein scheiß Handy rüber, aber fix, sonst tret ick dir aba richtig in die Eia.“ Ich kramte mein Handy hervor, um zu beweisen, dass mein Vorkriegsmodell mit der abgebrochenen Antenne keinesfalls begehrenswert war. Prompt boxte mir jemand hart in den Bauch, so dass ich mich krümmte und das Handy zu Boden fiel. „Willste mir verarschen, oder wat?“ vernahm ich eine zornige Stimme und einer hob den Fuß und trat mit voller Wucht mehrmals auf mein Kommunikationsutensil ein, bis es in viele Stücke zersprungen war. „Verarsch uns nich, Alta. Lass mal deine Schuhe sehen.“ Verzweifelt wies ich auf meine jahrealten, angebleichten Boots, die im Flur standen. Dafür erntete ich promt einen Tritt wie angekündigt. Mit einem lakonischen „Lass dich hier nich mehr blicken, Alta, sonst haste keine Freude mehr.“ zogen sie dann endlich ab.

Ich hätte nicht gedacht, dass so ein Satz außer meiner Freundin noch mal jemand zu mir in meiner eigenen Wohnung sagen würde. Naja, das ist halt die harte Schule des Lebens. 20 Minuten später, als ich mich gerade erst von dem Schmerz und dem Schock erholt hatte, klingelte es Sturm. Aufmachen brauchte ich gar nicht, denn nach zwei ungeduldigen Tritten gegen die Tür flog diese auch schon auf. Ein vielleicht 16-jähriger kam rein und fuchtelte mit einem Messer und hinter ihm betrat noch einer meine Wohnung mit einer Knarre in der Hand. „He, wo is dein Kram, Laptop und so, du alte Scheiße?“ schrie er und ohne eine Antwort abzuwarten stürmte er weiter in mein Zimmer. Er riss Schränke auf, schmiss meinen Monitor vom Schreibtisch, aber konnte offenbar nichts finden, was ihn interessierte. Wütend kam er wieder auf mich zu. „Ey, was soll das, du alte Scheiße, willst du misch ficken? Hast du nur Scheiße hier?“ – „Das ist alles“, murmelte ich. „Ey, merkst du noch was? Keiner fickt Ali, auch du nisch, du Hurensohn.“ Ich verstand schon gar nichts mehr, das war mir zu wirr. Da hob der andere seine Knarre und – blam – schoß mir ins Knie. Ich fiel blutend zu Boden und hörte noch, wie sich die beiden schimpfend entfernten. „Warum wohne ich nicht lieber bei den ganzen netten, jungen Muttis im Prenzlberg?“ ging mir noch durch den Kopf, als sich die Welt in einen grauen Schleier der Ohnmacht verabschiedete. Halloween im Wrangelkiez.

Peitschenhandel und Piratenweib

Samstag, Oktober 16th, 2010

Lieber St. Henes,

@xbg 1. Warum das Peitschenhandelbild ohne Kontext? 2. Warum an Diskussion um @piratenweib beteiligen? Lasst Mensch doch Mensch sein.‚Fri Oct 15 17:17:12 via web

ich war etwas überrascht von Deinem Tweet an mich. Dort stelltest Du mir zwei voneinander unabhängige Fragen, hübsch durchnummeriert, und obendrauf gabs noch einen tollen Ratschlag fürs Leben. Ich staune immer noch, wie das alles überhaupt in einen Tweet passt und dazu noch so nahtlos! Um ein bißchen von meiner Überraschung an Dich zurückzugeben, antworte ich darauf einfach hier in meinem Blog. Ich muss sowieso etwas ausholen.

Die erste Frage lautete, wieso ich ein Peitschenhandelbild ohne Kontext postete. Nun, ich tat dies aus dem Grund, warum ich auch Streetart poste: ich finde ab und zu Dinge in meiner Umwelt interessant und manchmal fotografiere und twittere ich sie eben. Zudem fand ich es recht ungewöhnlich, dass es da einen Peitschenhandel gibt. (Jedem vernünftigen Menschen muss klar sein, dass Peitschen gehandelt werden müssen und dass es zu diesem Zweck einen Peitschenhandel geben muss. Dennoch, wenn man unvorbereitet drüberstolpert, stutzt man erstmal einen Moment.) Nicht mehr und nicht weniger. Man mag es zu Recht für banal halten. Ich verstehe auch, dass man sich unter Umständen über die verschwendete Zeit ärgert, nachdem man auf das Bild klickte und nicht weiss, was das soll. Bei diesen Leuten möchte ich mich natürlich entschuldigen.

Aber auf der anderen Seite – das möchte ich zu meiner Verteidigung anmerken – finde ich es immer noch interessanter als die x-te Frühstücksfotografie. Das Peitschenhandel-Bild ist doch immerhin potentiell in der Lage, bei Menschen mit etwas Phantasie Fragen und Gedanken anzuregen. Und wer Spaß daran hat, kann sogar dem Peitschenhandel hinterhergooglen, wie es tatsächlich ein netter Follower gemacht hat. Ich will es nicht überstrapazieren, aber das sollte man auch bedenken.

pi·ra·ten·wei·ben, v.: nach dem Verschicken von Abmahnungen leichtherzig in den Urlaub fahrenFri Oct 15 17:11:01 via TweetDeck

Die zweite Frage war, warum ich mich an der Diskussion ums Piratenweib beteilige. Nun, ich denke nicht, dass ich mich wirklich an der Diskussion beteiligt habe. Ich hätte ja was zur Sache sagen können („Die Abmahnungen waren doof!“, „Die Abmahnungen waren voll gerechtfertigt!“ oder „Wer das Piratenweib trollt, ist ein böser Menschen!“). Aber das habe ich gar nicht.

Ich habe lediglich die erstaunliche Launigkeit kommentiert, mit der sie statt einer netten Mail Abmahnungen verschickt, sich anschließend vom Internet abkoppelt – um sich später über einen Shitstorm zu wundern. Ich meine Abmahnungen sind empörungspotentialmäßig ungefähr das netzäquivalent zu Kinderschändung und es wurden schon viele Abmahner von Shitstorms überrollt. Es kommt in Naivitätskomik-Klassen gemessen so lustig wie die Putzfrau, die später sagen wird „Ach der rote Knopf hat den Atomkrieg ausgelöst? Ich wollte ihn doch nur saubermachen!“.

Wenn man Piratenweibs Verhalten als Chuzpe interpretiert, dann ist auf der anderen Seite wiederum sehr beeindruckend. Wie auch immer, in jedem Fall fand ich die Vorstellung lustig, diese Tätigkeit würde als „piratenweiben“ in die deutsche Sprache eingehen. Spontan, wie man manchmal Dinge halt so twittert.

Ich hoffe Deine Frage ist damit erschöpfend geklärt. Für den Tipp, Mensch mal Mensch sein zu lassen, bedanke ich mich. Aber ich fürchte leider, er könnte etwas zu spät kommen.

Ich glaube es würde mir leichter fallen, Frauen nicht als Objekte zu sehen, wenn ich Menschen allgemein nicht als Objekte sehen würde.Tue Sep 21 09:02:37 via TweetDeck

Strohfeuer, Betaversion

Mittwoch, September 15th, 2010

Am nächsten Freitag werden in Berlin anlässlich der Lesung von Sascha Lobos Roman über Aufstieg und Fall in der New Economy Strohfeuer die digitalen Groupies zusammenströmen, um sich in die erste Reihe zu knien, die iPhones vom Leibe zu reissen und jede Zeile des Romans mitzusingen.

Eine wichtige Eigenschaft von Groupies nämlich ist es, dass sie schon vor dem Veröffentlichungstermin eines Werkes jede Strophe mitsingen können. Normalerweise wird soetwas praktischerweise über Raubkopien ermöglicht. Aber da Sascha Lobo kein Fan von Raubkopien ist und jedem Raubkopierer eine Armee von über 46.000 Followern auf den Hals zu hetzen in der Lage ist, bleibt dieser Weg verschlossen.

Dennoch: es gibt einen völlig legalen Weg, sich bei der Lesung als wahrer Fan zu erweisen. Bekanntermaßen heisst der Vorläufer von Strohfeuer nämlich strohfeuer.de (ja, damals war .de suffixmäßig noch modern!) und wurde 2005 in einem Blog veröffentlicht, dessen Name irritierend an eine Lucasfilm-Firma erinnert, Industrial Technology & Witchcraft. Für Euch habe ich mich durch die schwelenden Überreste des Blogarchivs mit unwegbaren Navigationstrümmern gekämpft, um alle Teile zusammenzutragen, damit Ihr es auswendig lernen und am Freitag mit Faktenwissen glänzen könnt:

strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 1
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 2
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 3
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 4
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 5
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 6
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 7
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 8
strohfeuer.de von Sascha Lobo – Teil 9

Wenn der Roman nur halb so gut wie diese Bloggeschichte ist*, dann wird er rasant sein. Und ich werde ihn lesen, gleich nach Matthias Sachaus Bestseller, Mia Bernsteins hochgelobtem Werk, Elisabeth Ranks famosem Buch, allen Büchern von Else Buschheuer etc pp. Aber das natürlich nur, falls ich das lähmende schlechte Gewissen überwinden kann, welches mich jeden Tag quält, all diese Bücher noch nicht gelesen zu haben.

*Er wird vermutlich wirklich nur halb so gut sein, weil der Verlag ja darauf achten muss, den Massengeschmack zu treffen und auf mehr Dreier-Sexszenen und weniger New Economy bestehen wird.