Die Zeiten werden zunehmend identitärer. In Folge wird wichtiger, wer etwas sagt, als was er sagt. Das treibt bisweilen merkwürdige Blüten. Zum Beispiel gerade bei der These, die besagt, dass die Phänomene Trump/AfD u.a. auch eine Gegenbewegung zu den Shitstorms der „Political Correctness“ seien.

Das hat Sascha Lobo in einer SPON-Kolumne formuliert:

Es trifft einen essentiellen politischen Punkt, der für Trumps Erfolg entscheidend ist. Das Gefühl, nichts mehr sagen zu dürfen, aus Gründen der ‚Political Correctness‘. […] Und dabei dringen diese Kommunikationsregeln für die große, massenmediale Öffentlichkeit bei allen Leuten auch in die gefühlt private, digitale Kommunikation.

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/us-vorwahl-sascha-lobo-erklaert-donald-trumps-erfolg-in-drei-tweets-a-1090742.html

Und das hat auch Jan Fleischhauer in einer SPON-Kolumne formuliert:

„Ein Satz reichte, um aus dem weithin geschätzten Politiker einen ‚Grabscher‘ zu machen, eine traurige Witzfigur aus der ‚Vor-Moderne‘ (‚Stern‘), an dem sich jeder abarbeiten durfte, der über einen Twitter-Account verfügte. […] Wenn es einen Moment gibt, an dem die neue soziale Bewegung ihren Ausgang nahm, deren sichtbarster Ausdruck die AfD ist, dann in der Brüderle-Affäre. […] Sie sind es einfach leid, dass aus jedem Ausrutscher ein Skandal gemacht wird, weil irgendwelche Anti-Diskriminierungs-Aktivisten den Alarmknopf drücken.“

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/political-correctness-der-rueckschlag-fleischhauer-kolumne-a-1091540.html

Die Kernthese ist die gleiche: Kleine oder private Anlässe können heute eine im Verhältnis unangemessen erscheinende Skandalisierung an der Öffentlichkeit nach sich ziehen, mit unkalkulierbaren Folgen für den einzelnen. Die neuen rechten Bewegungen profitieren davon, dass Menschen dieses Phänomen leid sind, ohne eine seriösere Andockgelegenheit zu finden als Trump/AfD. Ob die These richtig ist, sei dahingestellt. Klar ist auch, dass beide Autoren sie aus verschiedenen Blickwinkeln und unterschiedlichen Betonungen (Technik bei Lobo, Mensch bei Fleischhauer) beleuchten. Unbestreitbar ist aber, dass es im Kern um die gleiche These geht.

Wie wenig argumentativ interessiert und wie stark identitär orientiert die Netzgemeinde inzwischen ist, zeigt sich daran, auf welche Weise die Kolumnen bewertet werden. Während Lobos Kolumne eine „kluge Analyse“ ist, zeugt Fleischhauers Kolumne von „überragenden Drogen“, er sei „irrlichternd“ und „verwirrt“ – und ja, das kommt teilweise von der selben Person. Sorry, die These muss niemanden überzeugen, aber please get a grip und orientiert euch konsistent und inhaltlich, statt sektiererische Identitätspolitik zu veranstalten. Damit wäre dem Netz schon sehr geholfen.

Update: Der Autor Sascha Lobo weist darauf hin, dass er durch meine Auswahl der Zitate den Sinn seiner Kolumne auf den Kopf gestellt sieht und dadurch meine Zusammenfassung seines Inhalts nicht mehr gedeckt ist. Entscheidender Unterschied sei z.B. in diesen Stellen zu finden:

„Gleichzeitig haben soziale Medien durch ihre schnelle Verbreitung und die Reichweite über das engste soziale Umfeld hinaus bewirkt, dass kontroverse und erst recht menschenfeindliche Äußerungen Gegenwind erfahren. Das ist aus meiner Perspektive gut, weil Widerspruch gegen Menschenfeindlichkeit ein wichtiges Instrument der Zivilgesellschaft ist. Aber Leute wie Trump- oder AfD-Wähler interpretieren Widerspruch als gefühltes Verbot. Dahinter stehen völlig verschobene Maßstäbe rund um den Begriff Meinungsfreiheit, denn „Man darf nicht mehr x sagen“ müsste eigentlich heißen: „Man kann nicht mehr x sagen, ohne dass jemand widerspricht.“

Wer früher in seinem Wohnzimmer rassistische Witze gemacht hat, unwidersprochen, ungestraft, der kann genau das in seinem neuen, digitalen Wohnzimmer eben nicht mehr tun, ohne Konsequenzen zu fürchten. Persönlich finde ich das richtig, aber das ändert ja nichts daran, das als Einschränkung der persönlichen Kommunikation zu empfinden. Dieses Gefühl eint Rechtspopulisten auf der ganzen Welt.“