Ich erinnere mich noch gut: Ich fahre für einen Videoabend mit der U8 bis Boddinstraße. Das übliche während der U-Bahn-Fahrt. Jemand telefoniert, ein kryptisches Gespräch, ich tippe einen Tweet und sende ihn ab, sobald ich auf der Straße wieder Empfang habe. Danach widme ich mich dem Film und bekomme von der Twitterwelt nicht viel mit, denn da hatte ich noch ein Urgetüm von Smartphone, auf dem man nicht zwangsläufig merkt, wenn irgendjemand einem was favt oder retweetet. Erst später bemerkte ich, dass dieser Tweet wohl irgendwie (für meine Verhältnisse) viral gegangen war.

Inzwischen, möchte man meinen, ist der Spruch überall. In Witzesammlungen, bei frechen Sprüchen, SMS von gestern Nacht, auf Frageportalen und Facebookwänden. Ohne Bild, als Bild, mit oder ohne Quellenangabe, mit anderen Leuten als Quellenangabe oder als Eigenschöpfung ausgegeben. In verschiedenen Variationen: im Zug, in der S-Bahn, im Bus oder im Restaurant (was auch Sinn macht, denn U-Bahn ist etwas zu speziell für manche Landstriche). Eine Kopie hat mehr Favs und Retweets als das Original. Die Moderatorin eines Münchener Radiosenders hat ihn sich zugeschrieben. Das Beste: Jemand beschuldigt jemanden, diesen Spruch bei der Süddeutschen geklaut zu haben (diesen Link finde ich leider nicht wieder).

Gelegentlich werde ich von netten Menschen darauf hingewiesen, die der Tweetklau bekümmert und die die Tweetklauenden konfrontieren. Ich finde es gut, wenn junge Leute Emotionen empfinden, aber die Wahrheit ist leider: Ich spüre nichts dabei. Ich kann beim besten Willen nicht das Gefühl aufbringen, dass dieser Spruch in irgendeiner Weise mir gehören würde. Weder kann ich ihn kontrollieren noch verspüre ich das Bedürfnis danach. Er ist ein Kulturgut geworden. Ein interessanter Vorgang, zweifelsohne, aber rein emotional könnte es genausogut jemand anderem passiert sein.  Ich selbst empfinde ihn mittlerweile fast als generischen Witz, als klassisches Muster. Gelegentlich bekam ich sogar Zweifel, ob ich ihn mir wirklich ausgedacht habe. Dann suchte ich bei Google nach älteren Vorkommen, fand aber natürlich keine.

Nun. Ich habe Kultur in Aktion erlebt. Wenn ich mich beschwere, was soll dann erst derjenige sagen, der zuerst den Spruch „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ formuliert hat? Der hätte wirklich Grund dazu. Und vielleicht ist es sogar besser so, denn der Erfolg hat mir den Spruch entfremdet, ihn in meiner Einbildung mit populistischem Eifer gegenüber Bahntelefonierern aufgeladen, der vielleicht viel besser zu einer Münchener Radiomoderatorin mit künstlicher Lachkonserveneinspielung passt als zu mir. So bin ich gar nicht.

Was natürlich auch gesagt werden muss: Die Situation wäre sicher eine andere, wenn es in einem singulären Vorfall kommerziell verwertet worden wäre oder wenn ich mich von meinen Tweets ernähren müsste. Und womit ich nicht unbedingt gerechnet hätte: Das Bumerang kommt jetzt von der anderen Seite zurück. Jemand hat so oft die Kopie gelesen, dass er nun das Original für den Nachahmer hält. Zuerst dachte ich noch, es wäre ironisch gemeint. Aber wäre es ironisch gemeint, wozu sollte der Account mich dann blocken, so dass ich seinen Tweet noch nicht mal faven kann?

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