Im folgenden nun der 3. Teil des Twitter Krimis, der leider der schlechteste von allen ist, aber da er nunmal den Schluss enthält, auch veröffentlicht werden musste.

Der Entfolger

Ein Mordfall in der schnellsten Szene der Welt

by xbg

Teil III

„Bei diesen Designern weiss man nie,“ sagte @mspro zum Kommissar, als sie sich entfernten. „Latte macchiato ist bekanntermaßen eine sehr gefährliche Substanz. Mit der Zeit können die Abhängigen nicht mehr zwischen Tweet und Realität unterscheiden. Traurig.“
„Auf der anderen Seite“, wandte @343max ein, „wie viele Tweets wäre nicht geschrieben worden? Wie viele iPhones nicht gekauft? Aber ich halte diese Kreativhippies eigentlich für komplett harmlos.“
„Ja,“ sagte der Kommissar, „anders als die Kreativen auf hartem Ritalin. Was das bei @karstenloh gefundene Ritalin angeht, habe ich schon einen Verdacht.“

Mittlerweise waren sie bei @kathrinpassig angekommen. @kathrinpassig war eine schillernde Größe in der Kreativ-Szene. Nicht nur, dass sie in ihrer Eigenschaft als berüchtigte Ritalinrechts-Aktivistin gern für Foursquare-Eröffnungen gebucht wurde. Sie hatte auch mit ihren Tweets mehrere Literatur-Nobelpreise gewonnnen und unterhielt enge Verbindungen zum Kreativgeheimdienst ZIA.

„Hallo,“ begrüßte sie der Kommissar, „haben Sie gut hergefunden?“
„Ja,“ antwortete @kathrinpassig, „denn leider habe ich eine Verirrenskrise. Ich wäre ja lieber beim schottischen Berggipfel Ben Oss herausgekommen, aber ich will nicht undankbar sein. Man trifft hier interessante Personen.“
„Apropros Treffer“, sagte der Kommissar, „wollten Sie sich an @karstenloh rächen, weil er Sie beim Ritalin-Schmuggel übervorteilt hat?“
„Ja“, antwortete @kathrinpassig traurig, „wollte ich.“ Sie machte eine Pause. „Aber ich habe es prokrastiniert. Aber morgen hätte ich es ganz bestimmt gemacht!“
Sie guckte noch trauriger.
„Na,“ meinte @mspro schließlich, „Pünktlich zur Deadline, das sieht ihr gar nicht ähnlich. Nein, ich denke das können wir ausschliessen.“

„Eine harte Nuss,“ sagt der Kommissar, „haben Sie noch eine Idee?“ – „Eine Idee, eine Idee.. nein, nicht eine, viele!“ rief @mspro. „Überlegen Sie mal, was heisst viel? Poly! Meiner Meinung nach hat das was mit der Poly-Szene zu tun.“ Er zeigte auf ein Sofa in einer abgedunkelten Ecke. Es wurde auch das Ringelpietz-Sofa genannt, weil sich dort die Mitglieder der Polyamorie-Szene miteinander vergnügten. Man sah Arme und Beine aus dem Gewimmel der Leiber herausragen, die sich in sichtlicher Erregung an ihren iPhones vergingen. Einige lutschten lasziv am glatten Display, andere hatten den Vibrationsalarm in Dauerbetrieb geschaltet. Manche benutzen sogar die iPhones der anderen, was für jeden anständigen Twitterer ein heiliges Tabu ist. Der Kommissar machte große Augen, wies auf einen Stelle und meinte: „Meine Güte. Der da hat aber ein großes iPhone.“ @343max sagte: „Ja, beeindruckend, nicht? Man nennt es iPad!“
Der Kommissar war bass erstaunt: „Woher wisst Ihr das nur immer? Na, Schwamm drüber, früher hab ich ja auch heimlich diese Beate Gravis Kataloge gelesen.“
„Stellen Sie sich mal vor,“ fuhr @mspro fort, „was wäre, wenn der @karstenloh wie eine Spinne im Zentrum dieses irrsinnigen Beziehungsgeflechtes hockte? Imaginieren sie mal dieses Pulverfass aus eifersüchtigen Polyamoristen. Ein kleiner Funke und alles explodiert! “

„Jetzt lass doch einmal Deine verrückten Theorien.“, fiel ihm @343max ins Wort, „wir sind doch hier nicht bei „wir müssen reden“! Was hälst Du von meiner Theorie. Ist es nicht direkt sprichwörtlich: Den Loh beissen die Hunde? Wer sich nach einem lautlosen Krieger benennt wie @ghostdog19, dem ist doch alles zuzutrauen.“
@mspro winkte ab: „Nein, der @ghostdog19 twittert gerade von seiner Darmspiegelung. Der hat ein handfestes Alibi.“

Das Gespräch wurde unterbrochen von einer Frau, die dem Kommissar auf die Schultern tippte.
„Entschuldigen Sie, „sagte sie, „ich sammle Unterschriften für eine Initiative der Schweizer Partei SVP gegen den deutschen Filz. Alle Deutschen sollen aus der Schweiz ausgewiesen werden.“ sagte @SibylleBerg.
„Aber … sind Sie nicht selbst Deutsche in der Schweiz?“ fragte @mspro irritiert.
„Mag sein, aber man nennt mich nicht umsonst die Fachfrau fürs Zynische. Das Minarett-Verbot fand ich ganz gut und da wollte ich konsequent weitergehen. Gerade wir Ostdeutschen haben ja viel Erfahrung mit Ausländerfeindlichkeit, die wir unseren Schweizer Freunden weitergeben können.“
„Ich würde wirklich gern unterschreiben.“ meinte der Kommissar, „aber leider habe ich gerade meinen Namen vergessen.“
@343max zuckte bedauernd mit den Schultern: „Leider nein. Ich habe das Schreiben ohne Touchscreen verlernt.“
Alle schauten @mspro erwartungsvoll an.

In die folgende Stille hinein war die Stimme von @zeitrafferin zu hören. „Na endlich ist hier mal Ruhe. Ich führe hier nämlich ein wichtiges Interview!“ rief sie und wandte sich wieder ihrer Interviewpartnerin zu. „Ihr neues Buch ‚Stille Nächte im Twitterversum‘ basiert ja auf Ihren Erlebnissen im wilden Nachtleben der Twitterszene.“
„Ja“, nickte @helenehegemann eifrig, „habe ich alles selbst erlebt. Sehr authentisch!“
@zeitrafferin fuhr fort „Besonders beeindruckt haben mich die lebensnahen Dialoge. Hier, zum Beispiel:
‚“Winterwolken sind Hoden voller Schneemannsperma!“ „Okay! Tom ist besoffen! Wer fährt ihn heim?“ „Nur Hoden!“ „Sollen wir knobeln?“ „Hoden!“‚

An dieser Stelle wurde @mspro aufmerksam. „Moment“, rief er, „diesen Tweet kenn ich doch. Der ist von @karstenloh!“ Sie gingen hinüber und @mspro nahm das Buch. „Ja“, rief er „ohne Zweifel! Da sind die Tweets von @karstenloh!“
„Schrieb nicht die Twittercelebrity-Website Twitkrit etwas von Skandal-Enthüllungen, die @karstenloh in seinem Buch angekündigt hat?“ fragte der Kommissar.

@mspro antwortete: „Ja. Wollen wir doch mal sehen! Hier: ‚Der @saschalobo ist privat ja ein ganz netter und überhaupt nicht arrogant.'“
Ein murmeln ging durch den Saal.
@mspro fuhr fort:“‚Sitzen betrunken im Partykeller von @saschalobo. Er erzählt mir, er benutze privat gar keinen Apple-Produkte.'“
Alle sahen betreten zu Boden.
„Und hier: ‚Habe mich bei Pinkelpause in der Tür geirrt. Stelle entsetzt fest: @saschalobo hat das Internet ausgedruckt im Keller liegen.'“

Ein Seufzen ging durch den Raum. @saschalobo schaute verlegen zu Boden.
„Sie haben den @karstenloh hergelockt, um ihn loszuwerden und seine Enthüllungen zu verhindern!“ stellte der Kommissar fest. „Und wegen diesem Mist musste ich mir den Abend ans Bein binden!“

„Ach, so geht es uns allen,“ sagte @343max mitfühlend zum Kommissar. „Und was war eigentlich dieser wichtige Termin, von dem Sie hierher abgerufen wurden?“ – „Ach, naja, so wichtig war der eigentlich gar nicht…“
„Moment mal,“ sagte @343max, „ist denn nicht heute Ihr Jour Fitz?“ – „Haha“, der Kommissar lachte künstlich, „ja, kann schon sein, habe ich ja gar nicht drauf geachtet“.
„Interessant.“ @343max dachte angestrengt nach. Er hatte sogar seine iPhone in eine kleine Buchse hinter seinem Ohr eingesteckt, um seine Denkleistung zu erhöhen. „Wie viele Besucher waren denn da?“ – „Ach nun, es war nicht voll. Nicht so schlimm.“
„Ärgert es Sie denn nicht, dass so wenige kamen?“ –
„Ich und ärgern, haha… verdammt!.. nein, nie im Leben… ach, vergrämt Euch doch selbst… nein, ich ärgere mich niemals!“
– „Und… sind Sie es denn @saschalobo nicht böse, dass er so gedankenlos war und seinen Termin auf Ihren legte?“
– „Ach wo, auf den kann man doch gar nicht böse sein… reinschlagen müsste man… wer so ein nettes Lächeln hat… immer in seine Grinsefresse… der ist doch total nett … verdammtes selbstgerechtes Arschloch… ich wünsch ihm nur das beste!.. hol ihn doch der Failwhale!“ Der Kommissar wurde rot und kämpfte sichtlich um Fassung.

„Den @saschalobo konnten Sie so viel entfolgen wie sie wollten, der merkt das doch gar nicht. Wie wenn eine Mücke einen Elefanten sticht. Nach ein paar mal haben Sie also aufgegeben und seinen Stargast gemeuchelt!“
Der Kommissar schweig. Dann brach es aus ihm heraus: „Keiner wollte zu meiner Lesung kommen, was sollte ich denn machen.“ Er lachte bitter. „Die schnellste Szene der Welt, ja, aber genauso schnell ist sie mit ihren Gunstbezeugungen weitergezogen!“

„Aber… ich hatte ja keine Ahnung..“ stammelte nun @saschalobo mit Tränen in den Augen. Er und der Kommissar fielen sich in die Arme. „Du kannst doch hier lesen. Es sind mächtig viel Leute da.“ Er umfasste den Kommissar jovial mit dem Arm und führte ihn in den Saal, zur Bühne, um den neuen Überraschungsgast des Abends, den @Vergraemer, anzukündigen. Drüben im Saal hörte man Applaus aufbranden.

Während auf den weissen Fliesen die Leiche von @karstenloh erkaltete, bewahrheitete sich einmal mehr die Kurzlebigkeit des Mediums Twitter und dass jedem der eigene Fav am nächsten ist. Neue Neuigkeiten begannen, @karstenloh aus der Timeline zu verdrängen. Bald würde sich auch die Twittersuche nicht mehr an ihn erinnern können.