Letzthin wurde ich informiert, zwei Jahre auf Twitter zu sein:

Heute 2 Jahre auf Twitter: @ZDNet_de, @tomkolbe, @silicon_de, @boell_stiftung, @xbg und @einfallsreichtv22. 01. 2011 via Twopcharts

Außerdem erkannten gleichzeitig mit mir die Zeichen der Zeit: n-tv Netzreporter, Verfassungsgericht, HeinrichBöllStiftung, Redaktion ZDNet.de und die Mädchenmannschaft. Mit anderen Worten: für einen netzkulturaffinen Menschen war ich deutlich zu spät dran.

Eigentlich wollte ich ja schon früher einen Account anlegen. Als Fan der Riesenmaschinenbesatzung war es nur logisch, die Twitteraccounts von Kathrin Passig und Sascha Lobo zu lesen. Aber ich tat es zunächst mittels Bookmark im Browser. Für einen eigenen Account hatte ich zwar im Sommer 2008 eine Idee, die ich aber mangels Faulheit nicht umsetzte. Schade, denn je früher der Zeitpunkt, destso kleiner und durchlässiger die Szene. Andererseits vielleicht auch ganz gut so, denn sonst hieße ich nun @3monateneukoelln, oder ähnlich.

Der Kristallisationspunkt war dann für mich, dass sich ein Freund, @hesk, einen Account anlegte. Zu dem Zeitpunkt erstellte ich neue Accounts prinzipiell mit neuen Internetidentitäten und musste mir folglich auch einen neuen Nick für Twitter suchen. Außerdem hatte ich mir eingeredet, dass auf Twitter ein kurzer Name besser sei. Alle zweibuchstabigen Namen schienen zu diesem Zeitpunkt schon vergeben. Da ich damals in Kreuzberg wohnte, bildete ich dann schließlich den Namen durch maximale Verkürzung dieses Wortes. Als ich dann die Buchstabenfolge hingeschrieb, paßt auf einmal alles. Allerdings sehe ich es nicht so, dass xbg wirklich Kreuzberg bedeutet, es ist nur davon abgeleitet. Aber, hoffentlich kreuzbergig genug, so war damals mein Ausblick:

Ich führe einen unchattigen Twitteraccount und konsequenterweise habe ich mich am Anfang auch nicht mit einem „Hallo Welt“-Tweet aufgehalten, sondern mit einer wirklich wahren Geschichte begonnen. Die ID des Tweets ist mit 1140409447 immerhin schon einen zehnstellige Nummer, aber in Anbetracht der momentan üblichen Siebzehnsteller ist das wirklich niedlich!

Wie kann in ein paar Tagen nur so viel aus dem großen Honig-Pott verschwinden? – Sie haben wohl Yogi-Tee Orgien gefeiert, als ich weg war..Di 22. 01. 2009 22:43 via web

Am Anfang twitterte ich noch berichtender über mein Leben (besuchte Konzerte, gelesene Bücher etc) und nicht so abstrahiert wie heute. Auch war es damals noch üblich, Hashtags zur weiteren Erklärung (oder zur ironischen Brechung) zu verwenden.

Nein, S., was Du machst ist keine Lohnarbeit, sondern staatlich alimentierter Schnickschnack. #osi-mitarbeiter #proletenkultDi, 12. 02. 2009, 12:21 via web

Im Mai 2009 hatte ich dann den ersten Tweet, der für meine damaligen Verhältnisse viral ging und sogar in @withoutfields Blog landete:

http://twitpic.com/63xfb – Na endlich tun die mal was gegen diese verdammten Falschparker!Do, 28. 05. 2009 11:11 via TwitPic

Meine Followerschaft stieg langsam, aber stetig. Da damals noch nicht alle so Timeline-gesättigt wie heute waren, konnte es durchaus vorkommen, dass man zurückgefolgt wurde. @kathrinpassig etwa folgte zurück, @saschalobo nicht. Letzterer veranstaltete von Zeit zu Zeit aber kleine Wettbewerbe, deren Gewinner er empfahl. Die Folge war ein Tsunami von Neufollowern. Es mag zwar ähnlich peinlich wie für Schauspieler ihre frühen Pornofilme sein, aber einmal bewarb ich mich erfolgreich um eine von 10 Empfehlungen mit folgendem Tweet. Nun – ich war jung und brauchte die Follower!

@saschalobo Lieber netter Twittergott, empfiehl doch bitte meinen Twitterschrott!Fr, 17. 04. 2009 12:21 via TweetDeck

Sprünge in der Followerzahl brachten auch Twittertreffen. Das erste Twittertreffen, an welche ich teilnahm, war ein gewisses Twexicana, das zweite dann ein recht großes Treffen im Ballhaus Ost. Das flashte mich ziemlich, weil es zeigte, dass sich in der Twitter-Szene eben nicht nur Programmiernerds tummelten, sondern auch viele interessante Kreative. Dort traf ich zum ersten Mal Twitterstars wie @euphoriefetzen, @stijlroyal und @schlenzalot. @Vergraemer war damals allerdings noch eine mythische Figur, von der keiner so recht näheres wußte. Und Sascha Lobo bezahlte alle ausstehenden Getränke.

Vodafone hat meine Cola bezahlt. Ich fühl mich schmutzig. #ballhaus09 #loboDi, 11. August 2009, 9:49 via TweetDeck

Und natürlich schossen viele Twittergrößen followermäßig wie Luftblasen an mir vorbei. Den @diktator lernte ich auf einem Jour Fitz kennen, als er noch unschuldige 100nochwas Follower hatte. Damals war ich noch in der Position, ihn empfehlen zu können. Man möge sich das mal vorstellen!

Oh nein, der @booldog hat schon den @diktator empfohlen. Das wollte ich doch machen. Dann empfehl ich jetzt hier gar nichts mehr! #ffFr, 04. 12. 2009 17:54 via TweetDeck

Heutzutage wäre das natürlich ein Witz. Wenn @diktator nachts in einer Kneipe betrunken in sentimentale Stimmung verfällt, Mitleid mit mir bekommt und mich seinen mehr als 10.000 Followern empfiehlt, dann bringt mir das mehr Follower, als er damals bei unserem ersten Treffen überhaupt hatte.
Ach, die Kinder werden so schnell erwachsen!

Eine ähnliche Situation verdeutlichte ich mit einer Grafik über die Followerentwicklung von @n303n und mir.

http://twitpic.com/eotau – Wie man deutlich sieht: @n303n hat mich für @matola verlassen. http://ow.ly/kOhu Was hat er, was ich nicht habe?Fr, 21. 08. 2009 06:55 via TwitPic

Zum Jahreswechsel 2009/2010 spendierte mir @spreequell ein Redesign meines Avatars. Ihre Motivation war schlicht, dass sie meinen alten Avatar nicht mehr in ihrer Timeline ertrug. Dieser schien sowieso eine Art Rorschachtest für diejenigen zu sein, die ihn nicht vergrößerten. Die Interpretationen reichten von Hexe über Robbe bis zu Kakerlake.

<- alt | neu ->

In der Vergrößerung aber klar zu erkennen als Vogel, der einen Menschen verschlingt. Man kann das als Allegorie auf Twitter begreifen: das durch den Vogel symbolisierte Twitter frisst den Menschen oder kürzer: Twitter fressen Seele auf.

Das Bild stammt aus einem Grafitti, welches sich in Kreuzberg Glogauer / Ecke Reichenburger Straße befand. Inzwischen ist es leider nicht mehr da. Leicht bearbeitet ist es dann auch mein Twitterhintergrundbild geworden. Das Original sah so aus:

In der Folgezeit ging das alles erst richtig los: Jour Fitz, @n303n wurde nach Berlin geholt, Twitterkrimi, Margarete F., re:publica, virale Tweets, im Twitterbuch zitiert, von @Frauenfuss gemalt, für eine Abschlussarbeit interviewt, meistgefavter deutscher Tweet, 2000 Follower etc. pp.

Aber das sind andere Geschichten, die Opi vielleicht ein ander Mal erzählt.