Diesen Text schrieb ich am 31. Oktober 2005 anlässlich meines kurz zuvor erfolgten Einzugs in den Wrangelkiez. Der Wrangelkiez war damals noch verrufen. Glaube ich.

Da hatte ich doch extra beim Angestelltenschinder Lidl noch Zyankali Kaubonbons mitgehen lassen, um auf den Ansturm netter, knuffiger, originell verkleideter Halloween-Kinder vorbereitet zu sein. Aber als bis gegen 22 Uhr niemand kam, dachte ich schon, nun müsse ich den Mist alleine aufessen. Kurz darauf klingelte es dann aber doch. Freudig ergriff ich die Tüte Bonbons und eilte zur Tür. Draußen standen zwei ca. 11-jährige Kinder. Dem einen hing eine Totenkopfmaske lustlos um den Hals. „Hey Mann, schmeiß Tüte rüber, oder isch hol großen Bruder.“ murmelte er in seinem depravierten Gossendeutsch. Ich stand wohl einen Augenblick zu lange verdutzt da, da er mir dann die ganze Tüte aus den Händen riss. „Und mach disch locker, Mann!“ rief er noch, als sich beide die Treppe runter trollten.

„Meine Güte!“ dachte ich. „Damit ist ja Halloween für mich gelaufen.“ Aber der Alptraum sollte erst losgehen. Wieder klingelte es. Noch etwas benommen von den Ereignissen ging ich zur Tür. Draußen drei ca. 14-jährige in gruseligst prolligen Markenklamotten. „Eh Alta, schieb dein scheiß Handy rüber, aber fix, sonst tret ick dir aba richtig in die Eia.“ Ich kramte mein Handy hervor, um zu beweisen, dass mein Vorkriegsmodell mit der abgebrochenen Antenne keinesfalls begehrenswert war. Prompt boxte mir jemand hart in den Bauch, so dass ich mich krümmte und das Handy zu Boden fiel. „Willste mir verarschen, oder wat?“ vernahm ich eine zornige Stimme und einer hob den Fuß und trat mit voller Wucht mehrmals auf mein Kommunikationsutensil ein, bis es in viele Stücke zersprungen war. „Verarsch uns nich, Alta. Lass mal deine Schuhe sehen.“ Verzweifelt wies ich auf meine jahrealten, angebleichten Boots, die im Flur standen. Dafür erntete ich promt einen Tritt wie angekündigt. Mit einem lakonischen „Lass dich hier nich mehr blicken, Alta, sonst haste keine Freude mehr.“ zogen sie dann endlich ab.

Ich hätte nicht gedacht, dass so ein Satz außer meiner Freundin noch mal jemand zu mir in meiner eigenen Wohnung sagen würde. Naja, das ist halt die harte Schule des Lebens. 20 Minuten später, als ich mich gerade erst von dem Schmerz und dem Schock erholt hatte, klingelte es Sturm. Aufmachen brauchte ich gar nicht, denn nach zwei ungeduldigen Tritten gegen die Tür flog diese auch schon auf. Ein vielleicht 16-jähriger kam rein und fuchtelte mit einem Messer und hinter ihm betrat noch einer meine Wohnung mit einer Knarre in der Hand. „He, wo is dein Kram, Laptop und so, du alte Scheiße?“ schrie er und ohne eine Antwort abzuwarten stürmte er weiter in mein Zimmer. Er riss Schränke auf, schmiss meinen Monitor vom Schreibtisch, aber konnte offenbar nichts finden, was ihn interessierte. Wütend kam er wieder auf mich zu. „Ey, was soll das, du alte Scheiße, willst du misch ficken? Hast du nur Scheiße hier?“ – „Das ist alles“, murmelte ich. „Ey, merkst du noch was? Keiner fickt Ali, auch du nisch, du Hurensohn.“ Ich verstand schon gar nichts mehr, das war mir zu wirr. Da hob der andere seine Knarre und – blam – schoß mir ins Knie. Ich fiel blutend zu Boden und hörte noch, wie sich die beiden schimpfend entfernten. „Warum wohne ich nicht lieber bei den ganzen netten, jungen Muttis im Prenzlberg?“ ging mir noch durch den Kopf, als sich die Welt in einen grauen Schleier der Ohnmacht verabschiedete. Halloween im Wrangelkiez.