Im folgenden nun der 2. Teil des Twitter Krimis, der beim 6. Berliner Jour Fitz am 29.3. 2010 – dann doch total unvorangemeldet und spontan – gelesen wurde. Mein Dank gilt diesmal den Lektoren @artnoveau, @freval, @bangpowwww und @mbukowski, die sich mit verschiedenen Strategien und verwirrenden Ratschlägen beteiligt haben, auch wenn ich das meiste wider besseres Wissen ignoriert habe.
Dank für Anregungen und Feedback von @n303n und @hirngrille, besonders für den 1. Teil, was ich dort leider zunächst vergaß zu erwähnen.

Der Entfolger

Ein Mordfall in der schnellsten Szene der Welt

by xbg

Teil II

Als @saschalobo den Kommissar erblickte, rief er sichtlich aufgebracht: „Kommissar, gut, dass Sie da sind! Diesmal gehen die zu weit!“
Der Kommissar schaute ihn ratlos an: „Wer?“
„Na die Trolle von Krautchan! Eine Sache, mich zu belästigen. Eine andere, meinen Stargast umzubringen!“
„Ihren Stargast?“ echote der Kommissar.
„Ja, @karstenloh war der Überraschungsgast des Abends. Für das Kulturprogramm sollte er aus seinem Buch „Meine verschollenen Tweets. Jetzt nur noch im Premium-Sammelband erhältlich“ lesen. Jetzt schauen sie mal, was die angerichtet haben!“

Er wies in Richtung eines Tisches, an dem @silenttiffy saß. Sie war geladen, um auf ihrer Gitarre „Migrationsballaden – Die Tiffy-Songs„, eine musikalische Adaption ihres Debutschockerromans „Flucht vor Oma„, zu Gehör zu bringen. @silenttiffy war eine echte Diva alten Schlages und lebte als solche von der Liebe ihrer Fans, der sogenannten Twitterlove. Die geheimnisumwobene Twitterlove entstand auf mystische Weise bei jeder Zusammenkunft von Twitterern und @silenttiffy-Fans (was auf das gleiche hinauslief) und verband followerlose Newbies und sternreiche Toptwitterer für den Zeitraum des Treffens in rauschhafter Gleichheit und Harmonie. Nur wenige Unglückliche konnten die Twitterlove nicht spüren, aber niemand nahm ihr „Das ist doch eine Sekte!“-Geraune ernst.

Nun aber hatte @silenttiffy ihr Gesicht in die Hände gestützt und war in Tränen aufgelöst. „Wie konnte das passieren?“ schluchzte sie. „Der arme Loh! Und was wird jetzt aus meinem Auftritt? Ich hatte doch gerade den richtigen Alkoholpegel erreicht!“

Der neben ihr stehende @schlenzalot beugte sich tröstend über sie und strich ihr über das pechschwarze Haar. @schlenzalot war ein ehemaliger Pornostar, der überdimensionierte Sonnenbrillen liebte und hippe Jogginghosen trug. Seine charmante Art bewirkte, dass ihm alle Twitterinnen auf geheimnisvolle Weise zugeneigt waren.
Er redete auf @silenttiffy aufmunternd ein: „Teuerste, ich hatte Ihnen eine Tonne Rosen bestellt, die auf Sie herabregnen sollten!“
@silenttiffy schluchzte: „Eine Tonne? Das hätte ich nicht überlebt!“ Dann wandte sie sich @schlenzalot zu und ihr Gesicht hellte sich auf: „Was für ein romantischer Tod! Oh, komm in meine Arme.“

Der Kommissar schüttelte den Kopf und wollte eben zu einer Antwort ansetzen, da vernahm er neben sich eine Stimme. „Kommissar, wollen Sie meine Theorie hören?“ Neben ihm stand @britney89, eine junge, aufstrebende Moderatorin. Der Kommissar schüttelte den Kopf, aber @britney89, überging dieses Zeichen äußerst professionell. Sie zeigte auf @elsebuschheuer, welche am anderen Ende der Bar auf einem Hocker in Form eines mondänen Sektglases saß. „Die ist doch neidisch auf mich, weil ich den Abend moderiere und nicht sie. Deshalb wollte sie alles in einer Katastrophe enden lassen. Zurückgefolgt ist sie mir im übrigen nie, die blöde Kuh. Das sagt doch einiges!“

@elsebuschheuer war einmal eine bekannte Moderatorin und Autorin gewesen, die es sogar bis nach New York geschafft hatte. Dann aber geriet sie in Kontakt mit der Einstiegsdroge Blog, um schließlich dem Twitter mit all seinen grausamen Folgen zu verfallen. In kurzer Zeit war sie zu einer beachtlichen Größe der Szene aufgestiegen, an der selbst Twitterpabst @saschalobo nicht vorbeikam.

Durch diesen Affront war sie schon gar nicht aus der Ruhe zu bringen. „Ach Kindchen“, antwortete sie, „unterhalb der öffentlich-rechtlichen zieh ich mich doch gar nicht erst an. Das erinnert mich übrigens an die Filmszene in ‚Für eine Handvoll Favs‘, wo der Spammer seine Schuld einem A-Twitterer anhängt, dessen Account gesperrt wird und der dann seine Unschuld beweisen muss…“ Kommissar @vergraemer winkte müde ab. Er wusste: bei einem Gespräch mit @elsebuschheuer kam man nicht unter 2 Stunden Filmzitate weg. Geistesgegenwärtig fiel ihr @mspro ins Wort: „Frau Buschheuer, es ist doch bekannt, dass sie folgen und entfolgen, wie es ihnen beliebt! Haben Sie auch den @karstenloh entfolgt?“
@elsebuschheuer winkte ab: „Junger Mann. Ich folge gar keinem mehr. Aber ich habe natürlich trotzdem meine Lieblinge, von denen ich keinen einzigen Tweet verpassen möchte. Kennen Sie übrigens den Film ‚Tweet Driver‘, wo …“

An dieser Stelle fiel ihr @saschalobo ins Wort: „So dürfen Sie nicht reden, meine Liebe! Springen Sie lieber in die Timeline, tauchen sie hindurch und lassen sich die Tweets auf den Kopf prasseln. Einschalten, ausschalten, meine Devise. Angeln sie im Strom, es wird nie alles, aber immer genügend hängenbleiben. Wie ich übrigens auch in meinem Buch ‚Wir nennen es zwar nicht rumgammeln, aber trotzdem riecht es komisch‘ schrieb, das wichtigste ist…“

Weiter kam er nicht, denn plötzlich tönte es hinter ihnen: „Kann ich doch nichts dafür, Scheiße“. Sie drehten sich um. Dort an der Bar saß @n303n mit zwei Kippen im Mundwinkel. „Scheiße na und? Ich meine der Scheißkerl hats doch nicht anders verdient. Scheiße. Hab ihm das Messer zwischen die Rippen gerammt, verdammte Scheiße, ja, na und. Der Versager.“ Sie nahm einen tiefen Schluck aus dem Bierglas. „Ein Scheiß Ehemann war das, sowieso.“
Alle schauten betreten zu Boden. @mspro flüsterte dem Kommissar zu: „Provozieren Sie sie nicht, es wäre nicht die erste Einrichtung, die sie zerlegt.“ Aber der Kommissar sagte entschlossen: „Reden Sie keinen Quatsch! Der Tote wurde nicht erstochen. Außerdem ist er gar nicht Ihr Ehemann.“ Die Luft entwich aus @n303n und sie murmelte enttäuscht „Schade … Scheiße.“

Als die Aufregung sich legte, hatten sich die drei ermittelnden Beamten zur Beratung zurückgezogen.
„Welche Gegenstände, die @karstenloh bei sich hatte, hat nochmal die Spurensicherung sichergestellt?“ frage der Kommissar.
„Mehrere Familienpackungen Ritalin und ein, ähh… einschlägiges Hochglanzmagazin.“ antwortete @343max.
„Mmhhh,“ meinte der Kommissar, „was bedeutet denn ‚einschlägig‘ in diesem Zusammenhang?“
„Nun, soweit ich gehört habe, behaupten die meisten, sie kauften es wegen der Texte. Aber in Wirklichkeit wird es wohl wegen der ganzseitigen Bilder konsumiert. Es heißt, … “ er schaute auf sein Notizblock, „es heißt wohl … Stilroyal-Magazin.“
„Stijlroyal!“ rief der Komissar sofort. Als seine beiden Begleiter ihn anschauten, lief er rot an. „Nun, äh“, stammelte er „meine Frau liest es ganz gern. Wie auch immer. Werden wir dem mal nachgehen. Ich weiss auch schon, wo wir unsere Stijlroyalheimer finden können.“

In einer dunklen Ecke hielten die Vertreter der sogenannten „Wiesbadener Kreativ-Mafia“ Audienz. Sie waren allgemein beliebt, da sie einen Weg gefunden hatten, erweiterte Bewusstseinszustände auf Printmedium zu bannen: das Stijlroyal-Magazin. Ihr Patron und gravitätisches Zentrum war @stijlroyal. Als rechte Hand stand ihm sein Kompagnon @kcpr zur Seite. @kcprs exklusiver Geschmack war die Triebfeder der wirtschaftlichen Tätigkeit der beiden Kreativen. Er war jung, aber er liebte guten Pfeifentabak, alten Käse, exzellenten Wein und natürlich seine bildhübsche und sehr beliebte Frau @piratenmarlene. Beide zusammen waren ein so süßes Paar, dass sie stets drei Jahre im voraus den „Cute Overload“-Contest zum süßesten Twitterpärchen des Jahres gewannen. Und seit sich herumgesprochen hatte, dass @piratenmarlene bereit war, sich mit jedem stundenlang über Relativitätstheorie zu unterhalten, hatte sich der Anteil der Physikstudenten in dem kleinen Städtchen verdreifacht. Geheimnisvollerweise verdreifacht hatte sich allerdings auch die Selbstmordrate junger, unglücklich verliebter Männer.

„Kleine Revierkämpfe unter Kollegen, was?“ fragte der Kommissar sarkastisch.
„Nee,“ lachte der @stijlroyal, „mit dem @karstenloh hab ich immer gut geknutscht. Der war ja nicht in unserem Bereich tätig. Damit haben wir nichts zu tun. Jammer, das. Aber hier, nehmen sie doch ein Magazin.“
Der Kommissar antwortete trocken „Danke, aber nicht im Dienst.“