Im folgenden nun der 1. Teil des Twitter Krimis, der beim 4. Jour Fitz am 25. 1. 2010 gelesen wurde. Besonderen Dank an dieser Stelle an @mspro, der sich die Zeit nahm, um diesen Teil zu lektorieren, sowie @n303n und @hirngrille für großartige Anregungen.

Grundgedanke des ganzen ist ein Kurzkrimi, in dem die Hauptfiguren mit mehr oder weniger bekannten Twitterern besetzt sind. Rahmenhandlung und einige Textteile wurden im Herbst 2009 entwickelt, was nicht alle Ideen taufrisch wirken läßt. Nicht umsonst spricht man bei Twitter von der schnellsten Szene der Welt!

Der Entfolger

Ein Mordfall in der schnellsten Szene der Welt

by xbg

Teil I

Es war ein großartiges Ereignis und der Saal war äußerst gut gefüllt. Alles drängte sich, was Rang und Namen in der Szene hatte oder zumindestens ein iPhone vorweisen konnte. @saschalobo hatte geladen, um seine neue Idee vorzustellen. Per WLAN sollte Twitter-Werbung direkt in die Köpfe der Menschen gebeamt werden. „Immer und überall“, wie er nicht müde wurde zu betonen, „das ewige Werbertwittergewitter“. Den vereinzelten Skeptikern und Nörglern hielt er entgegen: „Ich möchte eben mit Funk-Werbung berieselt werden und mir gleichzeitig noch die klassische visuelle Werbung ansehen können!“. Für diese Vision hatte er monatelang Klinken geputzt und kräftig „Loboismus“ (wie er es augenzwinkernd nannte) betrieben. Nach und nach hatte er sie alle überzeugen können. Schließlich hatte sich nach dem üblichen Geschachere jede Firma, die jemals irgendein Großprojekt in Deutschland in den Sand gesetzt hatte und jede Partei, die am Abgrund ihrer Existenz stand, ihren Anteil am Kuchen sichern können.

Im Vorraum aber saß eine kleine Gruppe zusammen und schaute betreten. Sie wartete auf den Kommissar. Von einigen Teilnehmern war leises Schluchzen zu hören. Die Nachricht, dass @karstenloh tot in den Toilettenräumen aufgefunden worden war, breitete sich gerade in Windeseile im ganzen bekannten Twitterversum aus. 497 Favsterne reihten sich wie Tränen unter dem Tweet, der die allgemeine Gefühlslage am besten auf unter 140 Zeichen brachte: „Ohne @karstenloh werd ich nimmer froh. (Zeigt Eure Trauer mit einem Stern.)„. Tendenz stark steigend. Sogar aus @happyschnitzel war jede Honigkuchenhaftigkeit gewichen und sie hatte sich in @sadtofu umbenannt.

Der Kommissar war von einem wichtigen Termin abberufen worden. Kommissar @Vergraemer eilte der Ruf von jemandem voraus, der Menschen nicht ertrug, teilweise sogar der Ruf des Frauenvergrämers. Wer aber tatsächlich mit ihm zu tun hatte, war überrascht von seiner überaus charmanten Art, mit der er die Herzen der Menschen zu erobern wusste. Er selbst zog für Menschen im Allgemeinen allerdings den Begriff „noch nicht überführte Verbrecher“ vor. Er war lange genug im Geschäft um zu wissen, dass ihn dieser Einsatz in der Szene das Letzte abverlangen würde.

Als er eintraf, war Polizeizeichnerin @Frauenfuss schon in den Sanitärräumen zugange und zeichnete ein Bild des Toten. Freudig begrüßte sie ihn: „Kommissar, stellen Sie sich vor, ein Follower von mir, den ich noch nicht gemalt habe! Was für ein Glück! Dann habe ich endlich alles zusammen für meine neue Ausstellung!“ Der Kommissar nickte freundlich zurück und schaute sich um. In einer Ecke beugte sich @343max über ein am Boden liegendes Gadget. @343max war in seiner Eigenschaft als Polizeitechniker vor Ort. Er kam zurückhaltend und ohne auffällige Haarfarbe daher. Aber wenn über ihn gesprochen wurde, dann wurde die Stimme gesenkt. Man munkelte, er könne ohne technische Hilfsmittel direkt auf der Twitter-API reiten. Der Auserwählte, der eins sein mit dem Twitter. Was immer man davon hielt – auf jeden Fall war @343max ein Glücksfall für die Ermittlungen.

„Was ist das?“ fragte der Kommissar. Auf dem Boden lag ein iPhone mit zersplitterter Front. Auf dem Display war die typische Seite zu sehen, die man so oft bei den jungen Abhängigen heutzutage sah. @343max sagte: „Hier haben wir unser wichtigstes Devicemittel. @karstenloh hatte gerade seine Followerseite aufgerufen. Ich überprüf da grad was bei…“

In diesem Moment zuckten alle im Raum zusammen. „Bang“ – krachte ein Toilettendeckel herunter. „Powwww“ – wurde eine Kabinentür mit einem Fußtritt von innen aufgetreten. Aus der offenen Tür quoll eine Wolke weißen Pulvers. Schließlich wurden die Umrisse von @bangpowwww sichtbar. „Hab ich was verpasst?“ rief sie fröhlich. „Hab nur eben mein Näschen gepudert.“ Ihr Blick fiel auf den Toten. „Gehts eurem Kumpel nicht so gut?“ fragte sie. „Oh, vielleicht hätte ich ihm doch kein gestreckten Stoff verkaufen sollen.“ Kommissar und @343max sahen sich an. „Ah“, sagte der Kommissar, „das erklärt einiges. Was haben Sie ihm verkauft?“
„Alter, Favextrakt natürlich. Da ging der derbst drauf ab.“
@343max vollführte einige beschwörerische Gesten auf dem iPhone von @karstenloh. „Nein,“ sagte er „den Stoff hat er gar nicht angerührt. Damit kann es nichts zu tun haben.“
„Haben sie noch jemanden hier gesehen?“ frage der Kommissar. „Nein, außer… da in der Kabine lebt ein Geist. Er meinte er hieße @frank93 und dass er so froh sei, aus allem raus zu sein. Komischer Typ. Wollte auch kein Favextrakt.“
„Jetzt kommt das Ergebnis von Twittercounter.“ sagte @343max, als das iPhone aufleuchtete. Er machte eine kurze Pause und starrte angestrengt den Bildschirm an. „Einer hat @karstenloh entfolgt. Der Täter musste gewusst haben, dass er das nicht überleben würde. Was für ein mieses Schwein.“

Die Anwesenden verfiel in kurzes Schweigen ob der Niederträchtigkeit der Tat, welches aber kurz darauf von einem Tumult beendet wurde. @fitness_oli hatte die Absperrung zu den Toilettenräumen durchbrochen. Er kniete sich neben @karstenloh, kniff ihm in die Wangen und schrie: „Nein, der ist nicht tot! Den krieg ich wieder hin! Ein bißchen Kraftnahrung und ein paar Trainingseinheiten, dann ist wieder voll auf dem Dampfer.“ Dann warf er sich auf den Toten und brach in Tränen aus.

Nun war auch Kriminaladept @mspro eingetroffen. Der scharfsinnige @mspro kannte jeden und alles und wurde auch „Buchhalter der Twitterszene“ genannt. Ursprünglich wurde er eingestellt, weil ihn der Personalbeamte für einen „Microsoft Certified Professional“ hielt. Das hatte sich zwar nicht bewahrheitet, aber als wandelndes Lexikon war er aus keiner der Ermittlungsarbeiten in der Szene mehr wegzudenken.

„Verzwickt“, meinte @mspro, „Das erinnert mich an diesen Fall „@peterbreuer“ damals. Der war gar nicht tot. Ist zwei Wochen später putzmunter wieder aufgetaucht. Unter neuer Identität.“
„Was für eine dämliche Verschwörungstheorie“, unterbrach ihn @343max, „Nein, stellte sich raus, der wurde vom Googlegeheimdienst ermordet, weil er sich nicht in die Cloud assimillieren ließ.“
„Ihr erinnert Euch beide falsch.“ meinte der Kommissar. „soweit ich gehört habe, hat @Muserine ihn abserviert, um seinen Platz 1 in den Favcharts zu erben.“ @mspro lachte: „Die @Muserine? Nein, das ist doch ne ganz nette! Wenn die eine schwarze Twitwe ist, dann bist Du JAKO und Jack Wolfskin zusammen.“
„Na, wenn Ihr meint“, brummte der Kommissar, „aber auffällig ist das schon.“

Inzwischen hatte die Gruppe den Vorraum erreicht. Hinter der Bar stand der mit allen Feuerwassern gewaschene Barkeeper @wikipeter. Dennoch – auch ihn hatte die ständige Berührung mit den Wracks der Twitterszene gezeichnet, die Haare waren ihm ausgegangen. Der Kommisar fragte den Barkeeper, ob er verdächtige Personen in Richtung Toiletten hatte twittern sehen. @wikipeter antwortete: „Klar, viele. Habe sie alle aufgeschrieben. Auf diesen Zettel. Damit ich ihnen zu Hause in Ruhe followen kann. Besonders der grüne und der blaue kamen mir verdächtig vor. Die nerven ja auch, diese Cyberpunks. Ständig schnorren sie einen an: ‚Haste mal ’n Megabyte?““ @mspro beugte sich zum Kommissar und flüsterte: „@moeffju und @mntmn, zwei ausgefuchste Hacker. Wenn die heimlich ein Script zum entfolgen gehackt haben, dann ist die Twitter-API offen.“

Der Kommissar nickte bedächtig, „Was noch?“ @wikipeter schüttelte langsam den Kopf. „Eigentlich kann es doch jeder hier gewesen sein. Unter der Oberfläche aus inzestiösem Elitendünkel gärt Mißgunst und Neid in der Szene.“ @wikipeter sprach damit nur aus, was alle wussten, worüber man aber nicht gerne sprach. In der Twitterszene hatte sich eine Favokratie herausgebildet. Das hiess, dass eine kleine Gruppe sich gegenseitig Ihrer Zuneigung durch Favorisierungen versicherte und ihren sozialen Status eifersüchtig bewachten. Wer aber keine Katzenbilder twitterte oder nicht live von „Bauer sucht Frau“ berichtete hatte keine Chance, die wärmende Zuneigung der Gruppe zu erfahren.

@wikipeter fuhr fort. „Der @saschalobo hat viele Feinde und Neider, die seinen Auftritt nur zu gerne sabotieren möchten. Ich höre ja so manches, …“ Der Kommissar schaute ihn erwartungsvoll an. @wikipeter fuhr fort: „… aber leider bin ich an meinen Barkeeper-Schweigeeid gebunden. Tut mir leid.“ – „Ja, schade eigentlich.“ sagt der Kommissar enttäuscht. „Das hätte sehr hilfreich sein können. Dann muss ich wohl selbst ein paar der guten, alten Formspring-Verhörtechniken anwenden.“

Der Komissar sah sich um. Eine größere Gruppe stand im Vorraum zusammen. Ihr unübersehbares Zentrum bildete @saschalobo, die Hauptfigur des Abends. Nun, eigentlich war er immer Hauptfigur, egal wo er auftauchte. Aber diesmal war er es auch formell. Sein Markenzeichen – das feuerrote, ins Haar rasierte Logo von Vodafone – hing traurig herab.

[Ende Teil I]